Zur Buchinformation
Zu den Presseberichten
 

Was für ein verrücktes Experiment!

Mir fielen etliche Gründe ein, warum das nicht funktionieren konnte. 15 Autoren unter einen Hut quetschen, damit sie einen Roman zusammen schrieben? An nur einem Wochenende? Jeder mit anderen Ideen, anderem Schreibstil, anderen Vorstellung von Figuren und deren Führung. Das konnte doch nicht gehen. Und doch ...
Autoren sind neugierig, und da bin ich keine Ausnahme. Gerade wegen der vielen Gründe, die gegen einen Erfolg sprachen, habe ich mich angemeldet.

Jupiter  
Anfang Dezember – noch 6 Wochen
Mit der Anmeldebestätigung kam die Aufgabenstellung – und das erste Mal das Gefühl, es vielleicht doch zu bereuen.
Wir erhielten eine Vorgeschichte zu einer Science Fiction-Story und die Aufgabe, daraus mögliche Plots für eine Handlung zu entwickeln, zu dokumentieren, hinterher auszusortieren, Klischees nicht erwünscht, das alles mit Figuren zu bevölkern.
Eine Mega-Aufgabe, keine ruhigen Weihnachten.

Um Jupiter kreist eine Raumstation
- und sie droht abzustürzen.

Anfang Januar – noch 2 Wochen
Als der Reader kam, der die Texte aller Teilnehmer enthielt, bereute ich es zum zweiten Mal, mich angemeldet zu haben. Denn natürlich war nicht nur ich produktiv gewesen, auch die 14 anderen Teilnehmer. Und mit dem Reader kam die nächste Aufgabe: Lösen die Plots der anderen wieder Ideen aus? Aufschreiben!
Der Reader machte mir klar, wie unmöglich das Experiment eigentlich war. Keine Idee wie die andere, jede Figur anders, keine Vorgeschichte gleich. Ich sah uns schon mit rauchenden Köpfen diskutieren, Stunde um Stunde, ohne zu einer Einigung zu kommen.

44 Stunden ...
Freitag 21.01.05, 16:00 Uhr. Nach einer Vorrede, die ich so kurz noch nie erlebt hatte, legten die Dozenten (Andreas Eschbach, SF-Autor; Klaus N. Frick, Perry Rhodan-Redakteur) die Basis: Der Roman sollte aus fünf Perspektiven geschrieben werden, drei Teilnehmer sollten sich jeweils einer Figur annehmen. Wir hatten genau 44 Stunden Zeit.

Jupiter Die Einigung auf eine generelle Marschrichtung fiel leichter, als ich befürchtet hatte. Keine Aliens (dankenswerterweise), eine Story um die Rettung einer Raumstation. So weit, so gut. Aber für dieses Szenario gab es etliche Vorschläge im Reader, und mancher versuchte, seine Idee zu pushen: "Wieso noch groß überlegen, bei mir steht´s doch schon."
Keine Story ohne Hintergrund, und die Einigung auf ein generelles Setting verursachte ähnliche Diskussionen. Am Ende konnten wir uns (welch Wunder!) auf ein Gerüst für die Story einigen, die bei keinem so ausformuliert stand.

Andreas Eschbach sammelt die Ideen
der Autoren zur Hintergrundstory.

Doch nun kamen die Figuren. Nach einer Liste, welche Funktionen (Kommandant, Pilot, Wissenschaftler, ...) auf so einer Mission zu finden seien, wurden Geschlechter und Attribute (Macho, Ex-Liebespaar, Perfektionist, ...) verteilt und schließlich die Frage geklärt, aus wessen Perspektiven erzählt werden sollte. Wieder ging es los: "Ich habe hier einen Piloten, der paßt." – "Meine Mechanikerin eignet sich ganz toll."
Während beim Gerüst des Romans ein Mix aus allen Vorschlägen entstand, pickten wir die Figuren aus dem Reader. Und für jede freie Position ließ sich eine Figur finden, ohne daß es zu Mord und Todschlag kam.

Jupiter 40 Stunden ...
Als wir die Planung für das erste Viertel begannen, war es schon 20 Uhr – es waren schon vier Stunden vergangen, ohne daß wir auch nur ans Schreiben gedacht hatten!
Wir hatten den ersten Wendepunkt auf die Ankunft auf der zu rettenden Raumstation festgelegt. Nun gab es fünfzehn Szenen zu konzipieren, drei für jede Perspektive, eine für jeden Teilnehmer.

Im Stehen plottet es sich schneller.
Jede Perspektivfigur bekommt eine Farbe zugeordnet.

Und das zog sich hin, die Dozenten mußten mehrfach die Diskussion wieder in fruchtbare Bahnen lenken, damit wir uns nicht verzettelten. Schließlich stand die Planung, aber es war schon fast 22Uhr. Und dann mußten sich die Gruppen noch über ihre Figuren einig werden, aber wir drei bekamen den Computerexperten Dr. Lu schnell in den Griff.

38 Stunden ...
Ein technikversierter Teilnehmer (Danke Friedrich!) erstellte ein Datenblatt über das Raumschiff, während die anderen schon ans Tippen gingen. Ich hatte das Gefühl, wir hatten VIEL ZU LANGE gebraucht, um uns auf etwas zu einigen.

Jupiter Ich setzte mich also vor meinen Laptop, Freitag 22:00 – eine Zeit, zu der ich sonst ans Zubettgehen denke. Die anderen verteilten sich an die bereitgestellten Computerarbeitsplätze oder verzogen sich an ihre eigenen Laptops.
 

... tippiti tippiti ...


 
Wie denkt man sich in eine Figur ein, von der man nicht viel mehr als ein Datenblatt besaß? Meine Szene war nicht die erste im Roman, es war schon einiges mit den Charakteren passiert, was ich nur in Stichworten kannte. Ich begann zu schreiben, aber bei jedem Satz tauchten Fragen zu anderen Figuren und zum Setting auf. Diese erste Schreibphase war eine elende Rennerei von einem Teilnehmer zum anderen, um Details abzustimmen. Und die Zeit tickte davon ...

Jupiter Die fertigen Szenen wurden gesammelt und ausgedruckt. Etliche Stellwände waren vorbereitet, an die unser Werk gepinnt werden sollte. Ich schreibe nicht schnell, schon gar nicht zu so einer nachtschlafenden Zeit. Doch offenbar hatten andere das Problem nicht und die Wände füllten sich. Da brauchte Andreas Eschbach gar nicht jede vergangene Stunde abstreichen, um noch mehr Druck zu erzeugen.

... und wieder eine Stunde weniger.

Ich gab meine Szene kurz nach 1:00 Uhr ab. Eine Prämiere für mich in vielfacher Hinsicht: Nie hatte ich so spät noch etwas Vernünftiges (?) geschrieben, noch nie hatte ich so wenig gewußt über Figur und Setting. Und noch nie hatten sich 14 andere darauf verlassen, daß ich meine Szene fertigkriegen würde. Erste Versionen rauszugeben fällt mir nicht leicht, aber immerhin hatten die anderen das Gleiche tun müssen. Und doch blieb ein mulmiges Gefühl, ob das alles so zu den anderen Texten passen würde.
Noch immer fehlten etliche Texte zum ersten Akt, als ich meinen aufhängte. Offenbar war ich mit meinen Problemen nicht die einzige. Jede neue Szene wurde mit Jubeln begrüßt – von Konkurrenz keine Spur. Wir saßen alle in einem Boot, und jeder mußte mitrudern, damit wir es schafften.

Jupiter 34 Stunden ...
Als um 2:00 Uhr das erste Viertel des Romans ausgedruckt an den Stellwänden hing, war das ein tolles Gefühl! Und was ich von den anderen gelesen hatte, war richtig gut!
Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, daß wir es vielleicht doch schaffen können.

 

Die Wände füllen sich.
Das erste Viertel unseres Romans.

28 Stunden ...
Samstag morgen, 8:00, Frühstück. Die Augen vieler Teilnehmer waren klein, den Dozenten ging es nicht anders, schließlich hatten wir nach dem Aufhängen der letzten Texte noch ein wenig gefeiert. Wer brauchte schon mehr als vier Stunden Schlaf?

Jupiter Wir begannen den Tag mit der Planung von Akt II (zweites Viertel). Material über die Raumstation war von den Dozenten mitgebracht worden. Insgesamt ging die Planung schneller als Akt I, weil jeder nun eine Figur hatte, auf die er achtete. Erstaunlicherweise gab es kein Gegeneinander ("Meine Figur soll aber wichtiger werden"), sondern einen Konsens, jede Figur zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Wie das wohl weitergeht?

Das Schreiben der zweiten Szene fiel mir leichter, weil ich Dr. Lu nun schon kannte.
Das Mittagessen riß viele aus ihrer Schreibphase, aber die Dozenten bestanden darauf, daß wir alle mitgingen – schließlich wollten sie Zusammenbrüche verhindern. "Und immer schön trinken, Kinder, ihr müßt bei Kräften bleiben." Doch das war kein Problem: Die Versorgung durch die Bundesakademie war vorbildlich. Getränke und Zwischenmahlzeiten in Form von Keksen und Chips stand bereit. Was will Autor mehr?

21 Stunden ...
Samstag nachmittag planten wir dann den dritten Akt. Die Einigung für das dritte Viertel war zäher, weil verstärkt das Ende mit vorbereitet werden mußte. Die Schreibphase für Akt III wurde vom Abendessen unterbrochen, was aber kaum einer versäumte. Mir jedenfalls ging es so, daß ich froh war, mal eine Stunde NICHT über Figuren, Setting und Zeitdruck nachzudenken.
Ich tat mich schwer mit meiner Szene für den dritten Akt. Hatte ich für das zweite Viertel eine Szene relativ weit vorne, mußte ich jetzt die letzte Dr. Lu-Szene in dem Akt schreiben – 24 Szenen lagen dazwischen. Szenen, in denen sich alles umkrempelt hatte, und auch meiner Figur einiges angetan hatte. So brauchte ich recht lange, um diese Lücke zu füllen und überhaupt ins Schreiben zu kommen.

Jupiter 15 Stunden ...
Die Planung für den letzten Akt (IV) begann um 21Uhr am Samstag und riß mich voll aus meiner Szene für Akt III. Doch viele andere hatten ihren Teil schon abgeliefert und wollten weitermachen. Die Planung des Finales schafften wir in unter zwei Stunden, und so begannen noch viele am Samstag abend (Nacht!) ihre letzte Szene für den vierten Akt zu schreiben.

Planung des Finales
... doch ich hatte meinen Kopf noch voll mit Akt III.

Ich war nicht die einzige, die noch die Szene für den dritten Akt abzuliefern hatte. An der letzten Seite bastelte ich über eine Stunde, die Konzentration war futsch, das Hirn voller Treibsand. Ich arbeite lieber morgens, am besten noch vor dem Frühstück.

Jupiter 12 Stunden ...
Die Dozenten hatten, während wir neue Szenen produzierten, die anderen gelesen und Änderungswünsche an die ausgedruckten Szenen gehängt. Keine Nörgeleien über Stil oder Sprache, vielmehr Hinweise auf Ungereimtheiten zu den anderen Szenen und der Hintergrundstory.

Die Wände füllen sich.
Die ersten Zettel mit Korrekturwünschen (lila) hängen schon.

Ich gab meine Szene für Akt III um kurz nach 0 Uhr ab, es hingen schon fertige Szenen für Akt IV. Mich beschlich wieder ein ungutes Gefühl. Konnte ich in den zwei Stunden morgen meine letzte Szene schreiben? Und was war mit den anderen?
Die gute Stimmung, daß wir es schaffen würden, hatte sich den ganzen Samstag gehalten, aber jetzt kamen mir wieder Zweifel. Keine 12 Stunden mehr.
Ich überschlug kurz, was in der letzten Szene vorkommen sollte, machte eine Liste – und ging ins Bett.

5 Stunden ...
Nach sechs Stunden (unruhigen, weil Raumstationenabsturz-geplagten Schlafs) setzte ich mich wieder vor den Rechner und tippte meine letzte Szene. Noch bevor die anderen nach dem Frühstück bei ihren Rechnern auftauchten, hatte ich meinen letzten Text beendet. Selten war ich so erleichtert nach dem Tippen von sieben Normseiten.

Jupiter 2 Stunden ...
Es fehlten noch etliche Texte, als ich meine Szene anpinnte. Ich versuchte, die Schreibenden nicht zu stören und verbrachte die Zeit damit, ENDLICH mal zu lesen, was die anderen in ihren Szenen geschrieben hatten, nicht immer nur zu überfliegen.

 
 

Ob unser Dr. Lu auch überall richtig beschrieben ist?

1 Stunde ...
Noch immer schrieben einige Autoren ...
Unsere Gruppe bügelte kleine Unstimmigkeiten in unserer Figur aus, in unseren Szenen und auch den anderen, in denen diese Figur natürlich auch vorkam.

0 Stunden ...
Kurz nach 11 Uhr wurde die letzte Szene ausgedruckt und angehängt.

 

Wir hatten es geschafft!
60 Szenen, rund 557000 Anschläge, 338 Normseiten.

Wow!!!

 

Doch Jubel blieb aus. Wir waren einfach zu erschlagen, zu überwältigt.
Nicht einer war ohne Zweifel gewesen, daß das Experiment überhaupt funktionieren würde. Jeder befürchtete, es würde totaler Schrott werden. Und doch hatten wir nach Ende dieses Wochenendes das Gefühl, an etwas Besonderem mitgemacht zu haben.
Ich für meinen Teil bin stolz auf unsere Leistung! Wir haben einen akzeptablen ersten Entwurf abgeliefert.
In nur 44 Stunden!

Das Experiment war gelungen.

 

Jupiter
stehend: Klaus Frick, Wolfgang Sternbeck, Andreas Eschbach, Cathrin Block, Andreas Krasselt, Hans Peter Röntgen, Petra Vennekohl, Stefanie Bense, Jürgen Baumgarten, Angelika Öhrlein, Ursula Poznanski
sitzend: Wulf Dorn, Olaf Kutzmutz, Friedrich List, Momo Evers, Christian Hermann, Kathrin Lange
liegend: Sabine Wedemeyer-Schwiersch
 

Ein herzlicher Dank an Andreas Eschbach und Klaus Frick für die tolle Betreuung und die Entschlossenheit, dieses Experiment durchzuziehen.
Ebenso undenkbar wäre dieses Vorhaben ohne den tollen Service der Bundesakademie gewesen, vielen Dank an Olaf Kutzmutz und Sabine Oehlmann.

Und nicht zuletzt herzlichen Dank an die 14 anderen "Versuchskaninchen", die dieses Wochenende unvergeßlich gemacht haben. Es war toll mit Euch!

Was nun daraus wird? Vielleicht findet unsere "experimentelle Literatur" einen Verlag ...

Zur Buchinformation
Zu den Presseberichten

 
    Home / News / Autorin / über mich / Links