Wie Menschen denken und Leben, so bauen und wohnen sie.
Johann Gottfried von Herder

Was eine Blogsoap ist, wer alles teilnimmt und welche Artikel bisher erschienen sind, läßt sich am besten bei Chefarzt auf der Monerstdoc-Seite finden.
Mein Alter Ego Federkiel hat inzwischen mehr als 10 Artikel beigesteuert, die hier zu finden sind.

Unten steht nun ein Dreiteiler, der im Oktober 2010 im Rahmen der Blogsoap erschienen ist. Natürlich nimmt der Text Bezug auf schon Geschehenes und auch das Ende ist offen - denn da ging es auf einem anderen Blog weiter (bei Gottderaffen).

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Dieser Text ist auch auf meinem Blog und kann dort kommentiert werden.

Im Untergrund von Defihausen – Abstieg!  

13. Oktober 2010

Ich stehe mir hier die Beine in den Bauch, es ist kalt, meine Füße sind Eisklötze! Es ist schon dunkel, und der Typ taucht immer noch nicht auf. Ich sehe mich wieder um. Der Bedienstetenparkplatz des Städtischen Klinikums leert sich langsam, Leute kommen aus dem Hintereingang, gehen erschöpft zu ihrem Auto und fahren davon. Zu einem gemütlichen Essen in die Null-Linie wahrscheinlich … oder nach Hause zu ihren Karate-Kids. Ich reibe meine Hüfte.
Und ich stehe hier und friere. Nur wegen Doktor Heimlich. Geschlagene drei Stunden habe ich Sonntag mit dem Mann in der Null-Linie gesessen (Was bisher geschah – am Ende des Kapitels). Rücken an Rücken, den ganzen Nachmittag. Und da hat er vom Leder gezogen über den Sumpf in Defihausen, die Machenschaften der Oberen, den Klüngel der Kittelträger.
Doktor Heimlich … daß ich nicht lache. Was Dämlicheres hätte er sich nicht ausdenken können. Doktor Labertasche würde besser passen. Doktor Unzuverlässig. Doktor …
„Frau Federkiel?“
Ich schaffe es, nicht zusammenzuzucken. Er ist es! Dieser Stimme hatte ich Sonntag ein paar Stunden gelauscht. Ich fahre herum. Vor mir steht ein dürrer, großer Mann, die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Er hat den riesigen Kragen seines Mantels so hochgeschlagen, daß ich von seinem Gesicht kaum was sehen kann. Und er trägt eine Sonnenbrille.
„Federkiel“, sage ich bestimmt. „Einfach nur Federkiel.“
Er nickt schroff. „Kommen Sie.“
„Moment!“ Ich rühre mich nicht vom Fleck. „Warum sind Sie gestern nicht gekommen?“
Er kneift die Lippen aufeinander, faßt mich am Arm und zieht mich mit. Wenn ich eines nicht haben kann … ich reiße mich los, gehe aber mit ihm mit. „Was soll das? Wo gehen wir hin?“
„Zu offen zum Reden“, raunt er so leise, daß ich ihn fast nicht verstehe. Er steuert auf den Hintereingang des Klinikums zu, dreht dann ab und verschwindet um eine Ecke, ein Einschnitt in den Gebäuden. Ich eile hinterher, stoppe abrupt, weil der Typ an der Mauer lehnt. Ich baue mich vor ihm auf. „Doktor Heimlich“, sage ich betont, „was geht hier vor? Warum waren Sie gestern nicht da?“
„Ich wurde verfolgt.“
Ach ja? Oder sich noch mit jemand anderem getroffen? „Von wem?“
„Das weiß ich nicht. Aber ich wollte nicht das Risiko eingehen, sie zu Ihnen zu führen.“
Wie originell. „Was wollten Sie mir zeigen?“
Er holt tief Luft, als müsse er all seinen Mut zusammensammeln. „Kommen Sie“, sagt er wieder. Er wartet keine Antwort ab, geht weiter zwischen den Gebäuden entlang. Ist mir nie aufgefallen, daß es hier einen Gang gibt … Am Ende befindet sich eine Tür. Heimlich holt einen großen Schlüsselbund hervor, sucht kurz, dann schließt er auf.
Ich sehe mich um. Hätte ich mal doch dem Kuli gesagt, wohin ich gehen würde. Nicht nur so vage Andeutungen an diesen neuen Notarzt … Und die anderen sind alle mit der Entführung der Kaffeemaschine beschäftigt. Vielleicht werden sie wenigstens mißtrauisch, wenn ich bei der Krisensitzung fehlen sollte. Mein Bauch kribbelt, als hätte ich gerade Ameisen verschluckt.
Vor mir macht Heimlich die Tür auf und geht hinein. Jetzt bin ich es, die tief Luft holt. Ich krame die kleine Kamera aus meiner Tasche und folge ihm. Krachend fällt die Tür hinter uns ins Schloß.
Es ist dunkel, ich höre meinen eigenen Atem in den Ohren rauschen. Heimlichs Schritte hallen von den Wänden wider. Ich krame in der Handtasche nach meiner Taschenlampe. Doch ehe ich sie angeschaltet habe, flammt Licht auf. Heimlich steht ein paar Schritte entfernt. Er hat seine Sonnenbrille abgenommen, und der Kragen des Mantels hängt etwas herunter. Augen und Mund sind umrahmt von Falten. Er ist älter, als ich dachte. Irgendwie verleiht das seiner Geschichte mehr Glaubwürdigkeit, als wenn ein Jungspund mit so einer Story gekommen wäre.
Ohne ein Wort geht Heimlich den Gang entlang, und ich folge ihm. Ich muß fast laufen, damit ich Schritt halten kann. Wir müßten jetzt unter der Notaufnahme sein. Der Gang biegt nach links ab, wird abschüssig. Links? Da ist doch gar nichts mehr, nur noch der Parkplatz. Oder?
Tiefer und tiefer. Wieder rechts, dann links, Abzweigungen, Gänge, Türen, wieder um die Ecke. Ich versuche krampfhaft, mir den Weg zu merken, doch nach ein paar Minuten gebe ich auf. Orientierung ist nicht so meine Stärke. Mein Herz beginnt zu hämmern. Wenn der mich jetzt hier sitzen läßt …
„Wo gehen wir hin?“ Meine Stimme kommt mir schriller vor als sonst.
Heimlich antwortet nicht, geht einfach weiter. Runter, weiter runter. Dann noch eine Tür. Ich bin versucht, ihm seinen Schlüsselbund zu klauen, damit ich hier wieder rauskomme. Ich hatte ja keine Ahnung, daß unter dem Klinikum oder wo auch immer wir jetzt sind, so viele Kellergeschosse liegen.
Heimlich geht durch die Tür.
Ich folge ihm, und er macht Licht. Mein Atem stockt. Von dem ungeheuren Anblick und von dem Gestank! „Ach du Schande“, murmele ich. Ich sehe mich um.
Das, denke ich, wird die Story meines Lebens!
 
 

Im Untergrund von Defihausen – Mord!  

14. Oktober 2010

Der Gestank drückt mir in die Lungen, das Atmen fällt mir schwer. Oder ist es doch die Aufregung? Ich huste. Vor mir liegt eine riesige Halle, Labortisch reiht sich an Labortisch, an der Seite stehen leere Tierboxen, versiffte Aquarien an der andren Wand. Zentrifugen, Pipetten, Glasbehälter mit klarer Flüssigkeit … Was geht hier ab?
„Das“, Heimlich zeigt ausladend auf die Tische, „ist das Labor des Klinikums.“
Hier unten? Schwachsinn. Doch ich frage: „Was haben Sie damit zu tun?“
„Ich bin … war der Chefmolekularbiologe. Ich habe die Arbeiten überwacht.“
„Arbeiten? An was?“
Er lacht nur, geht weiter. Langsamer jetzt, wie jemand voller Nostalgie durch die Räume seines alten, liebgewonnenen Arbeitsgebers schlendert. Ich folge ihm, mache Fotos. Ohne Blitz werden sie unscharf sein, aber ich will es Heimlich nicht unbedingt auf die Nase binden, daß ich das dokumentiere.
Ich kenne mich nicht gut in Labors aus, aber alles scheint gut in Schuß zu sein. Die Tische sind sauber, alles ordentlich aufgereiht. Als ob gleich eine Horde Wissenschaftler hereinstürmt und loslegt.
Weiter hinten verändert sich das Bild. Immer mehr medizinische aussehende Geräte stehen herum. Ist das nicht ein Defibrillator? Sieht irgendwie umgebaut aus. Die Tische weichen Untersuchungsliegen. Eine Gänsehaut kriecht über meinen Rücken. Ich knipse eine der schmutzigen Liegen. Blut?
Abrupt bleibe ich sehen. „Ich verlange endlich eine Antwort, Doktor Heimlich! Was wird hier gespielt? Was wurde hier erforscht?“
„Das hier? Wir haben ganz normale molekularbiologische Grundlagenforschung gemacht. Bakterien, Hefe, so ein Zeugs. Aber das war alles Tarnung!“ Langsam wendet er sich um. „Ich war nur Tarnung. Als sie in die zweite Phase gegangen sind, kamen die Tiere dazu. Aber darüber sind sie jetzt auch hinaus.“ Angst steht plötzlich in seinen Augen. „Wir sind alle Opfer eines großen Experiments.“
„Was?!“
Er schüttelt nur den Kopf. „Wir sollten nicht hier sein …“, murmelt er.
Der kann doch jetzt keinen Rückzieher machen! Ich packe ihn am Kragen. „Wer tarnt hier was?“
„Der Klinikchef!“ Heimlich reißt sich los. „Trollbach steckt zusammen mit der HealthRay dahinter. Sie haben diesen riesigen Reaktor unter der Stadt gebaut. Sie wohnen doch hier! Haben Sie sich nie gewundert, warum unser Friedhof so groß ist? Und was glauben Sie, woher diese Erschütterungen kamen?“
„Naja …“ Das war ein großer Hype wegen der vermeintlichen Erdbeben gewesen, aber als es dann wieder aufgehört hatte, war das schnell wieder weg aus den Köpfen. Aus meinem auch.
„Die testen verschiedene Strahlungssorten an den Bewohnern, induzieren Krankheiten und wollen die Medikamente dafür verkaufen. Und experimentieren, wie man mit der Strahlung das Verhalten steuern kann.“
„Wer?“ Mein Herz hämmert. Endlich ein paar Antworten! „Wer außer Trollbach?“
„Das halbe Klinikum macht mit, unmöglich, die alle aufzuzählen.“
„Und wie soll das funktionieren?“
„Erst haben sie mit Tieren experimentiert, dann einzelne Leute eingefangen, über Nacht hier … behandelt. Aber jetzt … Die ganze Stadt ist durchzogen von unterirdischen Gängen. Sie bringen einfach diesen … Generator an die gewünschte Stelle. Das geht schon seit Jahren so.“
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. „Warum kommen Sie jetzt damit?“
Sein Gesicht scheint einzufallen. „Die Kinder … meine Enkelin …“
„Kinder? Was für Kinder?“ Meine Hüfte tut auf einmal wieder weh.
„Die haben irgendwas unter dem Kindergarten gemacht! Erwachsene, naja. Aber Kinder! Das geht doch nicht!“ Er wischt sich über das Gesicht. „Maja, meine kleine Maja. Da mußte ich endlich …“
Maja … War das nicht die Vierjährige, die mir bei meinem Besuch im Kindergarten fast das Becken zertrümmert hat? Ich schaudere. „Was ist da gelaufen mit den Kids?“
„Aggressionsstrahlen oder so was. Keine Ahnung. Die Kinder hätten wahrscheinlich schon die ganze Stadt zerlegt, würde die Kindergärtnerin das nicht irgendwie bündeln.“ Er wirft die Hände in die Luft. „Und Steigerung der körperlichen Fähigkeiten. Mir hat doch niemand was gesagt!“ Seine Augen sind jetzt feucht. Er blinzelt. „Es ist erst die erste Phase gelaufen. Noch ist es nicht zu spät.“
„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“
Er lacht. Rauh und abschätzig. „Wie naiv sind Sie eigentlich? Glauben Sie, man könnte so was abziehen, ohne Wissen der Polizei? Die stecken auch mit drin. Nicht alle, sicherlich, aber genug.“
„Weiter“, dränge ich ihn, „was noch? Wer steht hinter dieser Firma?“
„Hinter der HealthRay? Die haben eine ganz legale Niederlassung hier in Defihausen. Offiziell treten sie auf als …“ Heimlich reißt die Augen auf. Er keucht, sackt zusammen. Der Schlüssel gleitet aus seiner Hand, rutscht klappernd unter den Labortisch.
Ein Pfeil steckt in Heimlichs Nacken. Kein Betäubungspfeil, das war ein echter Fangschuß!
Instinktiv schmeiße ich mich zur Seite. Ein Pfeil zischt an meinem Ohr vorbei. Ich schlage unsanft hinter dem Labortisch auf, direkt auf meine ohnehin blaue Hüfte. Ich sehe Sterne. Danke, Maja.
„Gib auf! Du hast keine Chance!“
Mein Herz hämmert. Die Stimme kenne ich doch! Ich lausche. Wie viele Leute? Würden sie mehr als einen Killer schicken? Ich strecke den Arm aus, ziehe den Schlüsselbund zu mir heran. Ich krieche zwischen den Bänken hindurch, laufe dann geduckt in Richtung der Tür. Wieder zischt ein Pfeil an mir vorbei. Ich renne weiter, krame nach der Kamera. Ich stelle den Blitz auf die höchste Stufe, umklammere den Schlüsselbund. Viel Zeit würde mir nicht bleiben …
Und selbst wenn ich aus dem Labor rauskomme … draußen wartet ein Labyrinth von Gängen auf mich …
 
 

Im Untergrund von Defihausen – Rettung!  

14. Oktober 2010

Ich schließe die Augen, um mich nicht selbst zu blenden, springe auf und drücke ab! Ich kriege ein Grunzen aus den Tiefen des Raumes zurück. Sehr gut! Ich reiße die Augen auf und stürze zur Tür. Welcher Schlüssel ist der richtige? Endlich schwingt die Tür auf, und ich springe hinaus, schlage sie hinter mir zu. Ich werfe mich dagegen. Abschließen.
Ich atme auf, sacke gegen die Tür. Heimlich tot, verdammt! Und das, was er gesagt hat, wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Das Licht im Gang brennt noch. Still liegt er vor mir. Doch hinter mir macht sich jemand an dem Schloß zu schaffen, gepreßte Stimmen. Also mehr als einer! Ich stecke den Schlüssel in die Tasche und renne los, die Kamera im Anschlag. Es rumpelt, dann springt hinter mir die Tür auf. Ich halte die Kamera über die Schulter, drücke noch mal ab. Ich hechte in einen Seitengang, laufe einfach weiter. Nach drei, vier Biegungen bleibe ich stehen, drücke mich gegen die Wand.
Mein Atem geht schnell und laut, ich höre gar nichts! Ich zwinge mich zur Ruhe, spitze die Ohren. Das Blut rauscht durch meinen Kopf, doch dann höre ich auch Schritte. Zögerlich, als ob jemand lauscht.
Ich erstarre, die Maus in der Falle.
Dann Ruhe.
Stehen sie irgendwo? Wie ein dickes Tuch liegt die Stille in dem Gang. Wenn ich mich jetzt bewege … Ich schließe die Augen, konzentriere mich aufs Atmen. Leicht und leise. Wenn mir nur einfallen würde, woher ich die Stimme kenne! Rauchig, aber nicht unangenehm.
Sekunden vergehen. Minuten. Eine Stunde?
Dann hallt ein unterdrückter Fluch durch den Gang. „Die ist weg.“
„Hast du die Tussi erkannt?“
Diese Stimme! Wer ist das? Ich kenne den Rauchkopf, ich weiß es!
„Nein, ging alles zu schnell.“ Ein abschätziges Schnaufen. „Eine Polizistin wahrscheinlich.“
„Kann nicht sein, die haben wir im Griff.“
„Der Verräter war häufiger in Skalpellstadt, vielleicht ist sie von da. Verdeckte Ermittlerin.“
„Möglich.“ Der andere flucht wieder. „Abflug. Aus diesen Gängen kommt sie eh nicht raus.“ Er lacht hämisch. „Irgendwann finden wir ihre mumifizierte Leiche.“
Auch Rauchkopf lacht. „Wenn nicht vorher die Viecher sie finden …“ Das Lachen und die Schritte werden leiser. „Aber wir müssen dem Boss trotzdem Bescheid geben.“
Ich verstehe sie kaum noch, höre etwas, das wie „beseitigen“ klingt. Dann verhallen die Stimmen. Das Licht geht aus.
Viecher? Eine Gänsehaut stellt die Haare in meinen Armen auf. „Erst haben sie es mit Tieren gemacht“, höre ich Heimlich in meinem Kopf sagen. Licht! Ich brauche Licht!
Aber ich rühre mich nicht, warte etwas länger, die Augen gegen die Dunkelheit weit aufgerissen. Kein Schimmer zeigt sich, Schwärze wie in einem Grab. Nach einer Weile stoße ich mich vorsichtig von der Wand ab. Auf Zehenspitzen taste ich mich an der Wand entlang zurück zu dem Gang, aus dem ich gekommen bin. Oder ist es ein anderer?
Alles dunkel. Sie sind wirklich fort!
Ich krame die Taschenlampe heraus und schalte sie ein. Ich blinzele, der Gang liegt ruhig vor mir. Aber es ist nicht der, aus dem ich kam. Mist.
Viecher? Labyrinth? Egal, ich muß hier raus! Die wollen alles vertuschen! Wenn ich immer nach oben gehe, komme ich wieder raus, oder? Ich fische nach meinem Handy. Kein Netz. Natürlich nicht.
Ich gehe los, doch jeder Gang, den ich nehme, endet in einer Sackgasse. Rechts herum, dann links, wieder rechts. Hoch und – Ende. Wieder zurück, andere Abzweigung, wieder hoch und – kein Ausgang. Zuerst interessierten mich die Türen in den Gängen noch, irgendwann sind sie mir egal. Meine Füße tun weh vom Laufen, und meine Hüfte schmerzt mit jedem Schritt, ich fange an zu humpeln. Ich werde langsamer, keuche von der Anstrengung dauernd bergauf zu gehen.
Ich bleibe immer wieder stehen, lausche. Hätte ich doch was zu trinken eingesteckt! In einem entfernten Gang kraspelt es, und ich laufe wieder weiter. Weiter, immer weiter. Ich muß hier raus! In einer geschützten Ecke halte ich inne, sehe aufs Handy. Schon vier Uhr morgens! Ich irre seit Stunden hier herum …
Erschöpft setze mich hin, schlinge die Arme um mich. Ich zittere. Kalt, ich habe Durst. Der Hunger ist längst wieder fort. Meine Augen sind so schwer, und doch … die Tiere … Ich mache für einen Augenblick die Taschenlampe aus.
Ich schrecke hoch, wieder dieses Scharren! Ich springe auf, taumele zur Seite. Verfluchte Hüfte. Doch ich hetze weiter, Gang um Gang, Abzweigung um Abzweigung. Aber es nützt nichts, einer sieht aus wieder andere. Ich krame wieder das Handy heraus und stöhne auf. Donnerstag, später Nachmittag. Irgend jemand muß mich doch inzwischen vermissen! Oder haben sie die Kaffeemaschine wiedergefunden und feiern nur noch? Aber Kuli … oder wenigstens Bleistift. Die müßten doch mißtrauisch werden, oder?
Oder?
Meine Augen beginnen zu kribbeln, und ich kneife sie zusammen. Nein, hier würde ich nicht verrecken. Diese Story muß geschrieben werden!
Meine Knie zittern, und der Durst wird auf einmal unerträglich. Ich lehne mich gegen die Wand, verschnaufe. Meine Zunge fühlt sich pelzig an. Dann setze ich mich doch hin, habe auf einmal Schweiß am ganzen Körper. Lange würde ich das nicht mehr durchhalten. Wieder schließe ich die Augen. Fliehen … ich muß hier raus … Heimlich tot … Strahlen … die Kinder … Meine Gedanken sind träge.
So träge.
Meine linke Schläfe wird seltsam kalt. Drehe ich jetzt ganz ab? Doch schlagartig begreife ich – ein Luftzug! Ich kämpfe mich wieder auf die Beine. Wo Luft ist, ist auch ein Ausgang!
Ich hole das Feuerzeug raus, brauche in paar Versuche, ehe es angeht. Die Flamme biegt sich mir entgegen. Ja! Grinsend setze ich mich in Bewegung.
An jeder Biegung teste ich die Richtung, recht, links, links, noch mal rechts. Auf einmal geht es wieder bergab, aber die Flamme ist eindeutig. Ich folge ihr und dann geht es wieder nach oben. Irgendwie sehen die Wände hier anders aus. Älter.
Und dann höre ich es: Hämmernde Schläge gegen Metall. Ich erstarre, lausche. Wie ein Tier klingt es nicht. Sind sie mir doch auf der Spur? Wieder ein Schlag. Nein, jemand versucht, in die Tunnel reinzukommen.
Rettung oder Verderben?
So oder so – hier kann ich nicht bleiben. Ich folge jetzt den Geräuschen, das Hämmern wird immer lauter. Und endlich! Endlich eine Tür am Ende des Gangs. Eine Stahltür, die jemand zu durchbrechen versucht.
Und dann fliegt sie krachend auf …

© Petra Vennekohl, 13. und 14. Oktober 2010

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