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Tag 1

Der Tod roch süß wie von Leihsblättern, versteckt im beißenden Rauch von feuchtem Holz.

Ameron verharrte auf der Schwelle des Hauses. Er wußte, nicht der Gestank der Seuche tötete die Leute. Und doch mußte er sich zwingen, tief einzuatmen. Die Luft füllte seine Lungen, und er schmeckte sie faulig auf der Zunge. Schwaden von Fedriskraut waberten ihm entgegen, bitter und stechend in der Nase. Aber sie enthielten keinen süßlichen Beiklang.

Vielleicht irrte sich der Heiler, vielleicht war es doch nur ein Gerücht.

Ameron hörte, wie hinter ihm auf dem Brunnenplatz die Leute zusammenliefen, und drehte sich um. Waschweiber schrien durcheinander, zeigten zu dem Haus, auf dessen Schwelle er stand, oder in die Richtung, in die der Heiler verschwunden war. Die Nachricht von der Seuche verbreitete sich schnell, und Männer kamen aus den umliegenden Häusern, ihre Werkzeuge noch in der Hand. Und in der Mitte des Tumults stand gestikulierend ein Priester des Einen Gottes.

Ameron wandte sich ab. Er mußte nicht hören, was der Mann sagte. Diese Priester verkehrten immer die Nöte der Menschen zu ihrem eigenen Nutzen. Das war hier in Netan nicht anders als in seiner Heimatstadt Mogina.

Ameron trat in das Haus, und der Geruch verschlug ihm den Atem. Fedriskraut erleichterte das Atmen, aber was hier verschmorte, war zu feucht. Seine Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel, und er erkannte den Räuchertopf mit dem glühenden Untersatz, aus dem der Qualm aufstieg. Das Haus bestand nur aus einem Raum mit spärlicher Einrichtung, ein Vorhang verwehrte den Blick in den hinteren Teil des Hauses. Risse zeichneten sich in den Wänden ab. Vor dem Fenster sah er die Silhouette einer Frau, die Arme um ein Kind geschlungen.

"Verzeiht." Ameron ging einen Schritt in den Raum hinein, und die Dielen knarrten unter ihm. Die Gestalt reagierte nicht, und so sprach er weiter: "Der Heiler hat so überstürzt Euer Haus verlassen." Er zögerte. "Vielleicht kann ich helfen."

Die Frau fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. "Niemand kann uns helfen", flüsterte sie. Langsam drehte sie sich um, schob das Kind vor sich her, ihre Hände auf den schmalen Schultern des Jungen.

Sie trug nur einfache Kleidung, geflickt an vielen Stellen. Schlaff hing sie an ihrer schmalen Gestalt herab. Ihr Gesicht war verquollen, und die Wangen schimmerten feucht.

"Verzeiht", sagte Ameron wieder, "ich bin kein Heiler, aber ich verstehe etwas von Krankheiten. Mein Name ist Ameron."

Ihr Blick glitt über ihn hinweg, doch ihre Augen blieben ausdruckslos. Sie zuckte kaum merklich die Achseln und nickte in Richtung des Vorhangs.

"Öffnet das Fenster." Ameron wandte sich von ihr ab. Der Rauch aus den feuchten Blättern reizte seine Lungen, und er hustete unterdrückt. Schließlich spürte er den Luftzug und atmete auf. Er umrundete den Vorhang und trat vor die Betten. Nur eines war nicht gemacht, aber es schien, als lägen nur einige Decken darauf.

Dann hörte er die pfeifenden Atemzüge und entdeckte das Mädchen, das dort lag. Die Haut in Gesicht und Hals war so weiß, daß sie in der Dunkelheit zu leuchten schien. Die Farbe ihrer Lippen hob sich kaum davon ab. Die dunklen Haare klebten an der Stirn.

Ameron beugte sich über den Körper und folgte mit dem Blick der scharfen Kante des Wangenknochens. Es war das Gesicht eines Kindes, doch der Tod lauerte in dem kleinen Körper. Der Puls am Hals schlug schnell und ungleichmäßig. Die Augen waren geschlossen, verklebt mit einer gelben Kruste.

Ameron wußte, was er dort sah. Er stockte, doch dann atmete er ein. Der Geruch drang in seine Nase ein, die Haare an seinen Armen stellten sich auf.

Seuchengestank.

Abrupt richtete er sich auf, und für einen langen Augenblick sah er Borenor dort liegen, unwiederbringlich dem Tod ausgeliefert. Ameron kniff die Lider zusammen, und als er sie wieder öffnete, war das Bild von seinem Sohn verschwunden.

Der Tod roch süß wie von Leihsblättern, versteckt im beißenden Geruch feuchten Holzes, so stand es in seinen Büchern. Und solange er das Kind nicht berührte, drohte ihm keine Gefahr. Auch das versicherten seine Bücher, doch Amerons Herz raste. Die Weiße Seuche.

"Wenigstens ist sie jetzt ruhig", flüsterte die Mutter hinter ihm.

Das Mädchen lag reglos, und Ameron wußte, daß sie nur keine Kraft mehr hatte, sich zu bewegen. Er schaute auf das blasse Gesicht. Die Lider zuckten, und langsam öffnete sie ihre Augen. Selbst im Dunkel des Raumes konnte er die gelbe Verfärbung der Iris sehen, die ihr schon vor einiger Zeit das Augenlicht gekostet haben mußte. Ihre Lippen formten Worte, doch kein Ton drang hervor, nur dieses feuchte Rasseln, das von der Zersetzung der Lunge herrührte.

Ameron schloß die Augen. Vom Tod durch die Seuche zu lesen, hatte ihn nicht darauf vorbereitet, es selbst zu sehen. Das Mädchen starb vor seinen Augen, und er konnte nur die Anzeichen der Seuche wie auf einer Liste abhaken.

"Könnt Ihr meiner Naara helfen?"

Die Hoffnung in ihrer Stimme schnürte Ameron die Kehle zu. Er konnte ihr nicht helfen. Niemand konnte es. Er schaute zur Mutter auf und schüttelte stumm den Kopf.

Sie kam einen Schritt auf ihn zu. "Bitte", flehte sie, "nehmt meinen Sohn mit Euch!" Sie schob den Jungen in seine Richtung.

Ameron wich vor ihr zurück ans Ende des Bettes. Er erwiderte ihren Blick, teilte ihre Angst und ihren Kummer, aber er konnte sie nicht lindern. Schließlich schlug sie die Augen nieder, zog den Jungen zurück und trat zu ihrer Tochter. Dort sank sie nieder und preßte den Kleinen an sich. Leise sprach sie auf ihre Kinder ein.

Die angestrengten Atemzüge des Mädchens erfüllten den Raum, dröhnten in Amerons Ohren. Er zählte seine eigenen schnellen Herzschläge zwischen den Atemzügen des Kindes. Die Stille dehnte sich aus, länger, immer länger. Ameron ballte die Hände zu Fäusten. Nichts konnte er tun. Nur zusehen. Es gab keine Heilung für die Seuche, wer sich ansteckte, starb daran. Und niemand wußte, woher sie kam. Aber eines wußte Ameron genau, der Tod dieses Mädchens war nur der erste von vielen.

Das Geflüster der Mutter ging in Schluchzen über. Ameron trat an die andere Seite des Bettes. Sein Blick ruhte auf dem Mädchen, suchte nach einer Regung. Der Junge bewegte sich in den Armen seiner Mutter, schaute zu ihm auf. Ameron sah die Kruste in den langen Wimpern, die Feuchtigkeit in den Augen. Aber er glaubte nicht, daß der Kleine weinte. So begann die Weiße Seuche.

Ameron schluckte krampfhaft. Sein Blick glitt zurück auf das Bett. Keine Regung mehr. Langsam zog er den Kreis des Todes über dem kleinen Körper. Die Mutter schluchzte auf.

Die Weiße Seuche war zurück.

Ein Stein flog durch das Fenster, fiel polternd auf die Dielen. Ameron löste sich aus seiner Starre und trat neben das Fenster. Der Brunnenplatz war voller Menschen, einzig von diesem Haus hielten sie Abstand. Mehr als einer der Männer trug eine Fackel. Und über das Gemurmel der Menge erhob sich die Stimme des Priesters: "Kommt in das Haus des Einen Gottes, damit es nicht Euer Kind ist, das so elend stirbt. Er wird Euch beschützen, in seinem Haus ..."

Ameron drehte sich zur Mutter um. "Sie werden das Haus anstecken." Er blickte in ihr verständnisloses Gesicht. "Flieht! Zum hinteren Fenster hinaus!"

© Petra Vennekohl

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