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1 Kapitel: Gericht

"Uns läuft die Zeit davon!"

"Es hat ihr nicht gut getan", grunzte Arit, "wochenlang herumzustehen. Die Spulen sind aus dem Ruder gelaufen." Er tastete nach dem Induktionsmesser, doch seine Finger strichen nur über rauhe Metallplatten. Er zog den Bauch ein und lehnte sich weiter zur Seite. Kein Wunder, daß alle Ingenieure so verdammt dünn waren, sie hatten Angst im Hyperraumantrieb stecken zu bleiben.

"Die Verhandlung ist in zwei Stunden. Wir dürfen sie nicht verpassen." Gabras Stimme klang gedämpft durch die Abschirmungen des HR, aber Arit hörte den schrillen Unterton trotzdem. Und ihre Schritte aber dröhnten über den Metallboden, geradewegs in Arits Ohren.

"Bleib stehen! Ich kann mich nicht konzentrieren!"

Gabras Schritte verstummten. Endlich. Arit lehnte sich weiter nach links. Etwas Spitzes begann in seinen Bauch zu stechen, und er zog ihn weiter ein. Die Kante des Schlittens drückte unangenehm in seine Schulter, gerade dort, wo das Druckgeschoß ihn durchschlagen hatte. Er biß die Zähne aufeinander, und schließlich bekam er den Griff des Induktionsmessers zu fassen und ließ sich zurück auf den Rücken rollen. Er fuhr mit der Meßsonde die Spulen des HRs entlang. Alles grün, sie waren alle perfekt synchronisiert. Die Frequenz stimmte auch. Aber wieso waren sie dann aus dem Hyperraum gefallen?

"Wie lange ..."

"Es geht nicht schneller, wenn du mich dauernd anquatscht", unterbrach Arit sie. Er zog wieder den Bauch ein und drückte sich unter den Induktionsspulen hervor. Der Schlitten ächzte unter seinem Gewicht, doch die Schienen hielten. Die innere Abschirmung des Antriebs glitt über ihn hinweg und er zog wieder den Bauch ein, doch die Schutzwand schrammte trotzdem über seine Mitte. Verdammte Konstrukteure.

Er ächzte, als er sich zwischen den beiden Abschirmungen aufrichtete. Er schob den Schlitten in seine Halterung zurück und drückte die Kontrollen. Mit einem harten Knall schlug die innere Abschirmung in die Nut.

Draußen fingen Gabras Schritte wieder an. "Geht sie jetzt wieder?"

Als ob die VINAT ein kaputtes Spielzeug wäre, bei dem man nur neue Energiezelle einsetzen mußte. Arit rückte seine Mütze zurecht. Wenn es nicht die Induktionsspulen waren, wo lag dann der Fehler? Verdammt, er vermißte Thera! Die wußte, wie man mit so einer Maschine umgehen mußte. Sie würde die VINAT im Handumdrehen wieder in den Hyperraum bringen.

"Gabra", rief er. "Geh an die Meßstation neben dem Einstieg. Welche Frequenz steht dort?"

"Frequenz?" Pause. "Ich weiß nicht."

Arit preßte die Lippen aufeinander. Und diese Frau sollte eine Wissenschaftlerin sein? Lächerlich. Lieber wäre er mit einem Haufen torellischer Hühner unterwegs als mit dieser Frau. Er drückte sich an den Reglern, Rohren und Ventilen vorbei und quetschte sich durch die Tür der äußeren Abschirmung. Das helle Licht auf dem Maschinendeck blendete ihn.

Gabra stand neben der Meßstation und blickte ratlos auf die Zahlenkolonnen. Arit seufzte. Wenn sie nicht zustimmte, einen Ingenieur für die VINAT einzustellen, würden sie noch öfter zu spät kommen.

Gabra wich vor ihm zur Seite, steckte die Hände in die Ärmel und begann über ihre Haut zu reiben.

Neben der Frequenzanzeige blinkte noch immer das "0% Leistung" des Antriebs in rot. "Hier", sagte Arit und zeigte auf ein eingerahmtes Display in der oberen Hälfte. "Das ist die Frequenz. Den Wert mußt du mir durchgeben."

Sie nickte, hörte aber nicht auf zu kratzen. "Wir müssen da sein, wenn Lonas Verhandlung anfängt. Wir müssen!"

"Dann gib mir die Werte durch", schnappte Arit. Als ob er nicht dabei sein wollte. Er schob sich zurück zwischen die Abschirmungen des HR-Antriebs. 156 war für seine alte MIRA richtig gewesen, aber das mußte nicht für die VINAT so sein. Arit umrundete den Antriebskern bis er zu den Modulationseinheiten kam. "Gabra? Noch 156? Für alle Induktionskerne?"

"Ja."

Und trotzdem keine Resonanz. Er legte eine Hand auf die innere Abschirmung. Der Antrieb lief, er spürte die feine Vibration in den Fingerspitzen, wenn auch nur schwach. Er schloß die Augen und drehte am Regler. Das Antriebsgeräusch schwoll an, klang irgendwie unrund. Er die zweite Spule hoch, dann die dritte. Der HR summte wieder wie ein Bienenschwarm und die Vibrationen wurden stärker.

"Gabra?"

"163."

"Wieviel Prozent Leistung?" Als sie nicht antwortete, rief er: "Die Prozentanzeige darunter."

"5."

Na also. Dann lag es doch an der Frequenz. "Sag mir, wenn die Leistung steigt."

Er drehte eine Weile an den Reglern, bis sie "Jetzt" rief.

"Wie viel?"

"35 jetzt. Arit, das dauert alles zu lange! Wir werden zu spät kommen!"

"Das hättest du dir überlegen sollen, ehe du dem Ingenieur abgesagt hast."

"Ich kann mir keinen leisten."

"Also kommen wir zu spät", murmelte er.

"43. Aber es fällt wieder."

"Heiliger Hyper, bist du empfindlich!" Er drehte wieder zurück. Dann mußten eben 43 Prozent reichen, um zur Station zurückzukommen. Er schob sich zurück zur Tür und knallte sie hinter sich zu. "Da muß ein Fachmann ran. Wer hat das vorher gemacht?"

"Mitcha", sagte sie leise.

Aber der hatte sein Gehirn auf dem Rumpf der VINAT verteilt, als die SCC Leute ihn erschossen haben.

"Wieso kannst du das nicht?"

"Ich bin Pilot, kein HR-Techniker."

"Aber Lona hat gesagt ..."

"Lona hat gesagt", äffte er sie nach. "Und wenn sie dir sonst was versprochen hat, ich kann es trotzdem nicht reparieren." Arit stapfte die Metalltreppe hinab aufs Maschinendeck. Er wischte seine Hände am Hemd ab, das war eh voller Hydrauliköl. "Und wenn wir hier noch länger herumstehen, kommen wir gar nicht mehr vom Fleck."

"Aber ich dachte ..."

Arit ignorierte sie. Gabra und denken? Schwer vorstellbar. Er rieb seine schmerzende Schulter, als er die Treppe zum Brückendeck hochhastete, den Gang entlang. Er warf sich in den Pilotensessel und rückte die Mütze zurecht. Aber hatte Gabra nicht recht? Als Pilot mußte er sich auskennen. Die alten Maschinen hatte er noch verstanden, dort war alles einfach und übersichtlich. Aber hier? Auch wenn die VINAT schon über zwanzig Jahre alt war, ihr Antrieb war für ihn zu neu. Für ihn, das Fossil.

Der Hyperraumschutz war noch geschlossen, und gelbes Licht von der Deckenbeleuchtung schimmerte auf den Anzeigetafeln. Die Route stand noch im Navigationsrechner. Der HR zeigte 42 Prozent. Damit würden sie zwar nicht die volle Geschwindigkeit erreichen, aber zum Sprung in den Hyperraum würde es reichen.

Gabra ließ sich neben ihn in den anderen Sessel fallen. Ihre Fingernägel schnarrten über ihre Unterarme. "Arit, ich wollte nicht ..." Sie brach ab.

"Schon gut", raunzte er. "Schnall dich an."

Sie nickte, legte den Riemen an. Doch sofort huschten ihre Hände wieder in die weiten Ärmel ihres Gewandes. Arit zwängte sich selbst in den Gurt, dann startete er den Antrieb.

Die VINAT bebte, und kurz sackte die Leistung des Antriebs ab. Doch dann sprang die Anzeige auf grün – bereit zum Hyperraumsprung. Arit bestätigte und die VINAT glitt mit einem Zittern in den Hyperraum. Für ein Schiff ihrer Größe, war sie viel zu behäbig. Aber was sollte man auch erwarten, wenn sie voller zusätzlicher Plasmatanks steckte, um die Kanonen zu befeuern?

"Wie lange bis Station Drei?"

Arit tippte durch die Anzeigen des Navigationscomputers. "Eine Stunde, 23 Minuten."

Gabra seufzte auf. "Dann werden wir es schaffen."

"Nur, wenn wir gleich einen Korridor für den Anflug und eine Andockbucht bekommen." Als sie wieder zu kratzen begann, setzte er hinzu: "Aber es wird schon reichen."

"Ich kenne Lona seit sie und ihre Eltern nach Eneru kamen. Ich darf die Verhandlung nicht verpassen." Sie blickte auf den geschlossenen Hyperraumschutz. "Ich darf sie nicht im Stich lassen. Nur noch wir zwei sind übrig", flüsterte sie.

"Was ist mit dem Rest passiert?", fragte Arit, während er sich die Flugroute anzeigen ließ.

"Sie sind tot." Gabra schnaufte. "Oder hatten nicht das Rückgrat, um sich uns anzuschließen. Waren so froh, daß sie mit dem Leben davongekommen sind und sind weggelaufen."

"Vielleicht waren sie schlauer als ihr."

"Nein!"

Die Heftigkeit in ihrer Stimme überraschte Arit. Er blickte sie von der Seite an.

"Du kannst dir nicht immer alles gefallen lassen. Sie dürfen nicht mit allem davonkommen."

Arit blickte wieder weg. Er war auch fortgelaufen, froh um sein Leben. Er hatte die SCC auch davonkommen lassen. "Manchmal ist der Gegner zu stark."

"Das glauben sie nur."

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