Ob die Idee den Dichter überwältigt oder der Dichter die Idee,
davon hängt alles ab.

Friedrich Hebbel

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29. April 2009

21. Mai 2009

19. April 2009, Sonntag, St. Elisabeth Krankenhaus

Das Zimmer war leer.
Robert runzelte die Stirn und ging hinein. „Johanna?“
Doch auf der Toilette war sie nicht, die Tür stand offen. Ihre Joggingjacke war verschwunden. Er trat ans Fenster, atmete auf. Sie saß unten auf der Bank und schrieb. Da war sie also!
Er fuhr herum, hastete zurück in sein Dienstzimmer, zog schnell den Kittel aus und die Jacke an, Schirmmütze auf. Robert schloß die Tür hinter sich ab. Hoffentlich war sie nicht schon wieder fort! Doch wenn sie schrieb, würde sie länger dort sitzen. Er eilte hinaus, schwang sich aufs Rad. Er fuhr um die Ecke, und tatsächlich saß sie noch auf der Bank. Langsam fuhr er näher, hielt aber ein bißchen entfernt an. „Johanna?“
Sie blickte auf, runzelte kurz die Stirn, lächelte dann aber. „Robert! Meine Güte, ich erkenne Sie ja kaum“, sagte sie und ließ den Stift sinken.
Er schob seine Schirmmütze etwas aus der Stirn. „Störe ich?“
Sie schüttelte den Kopf und schlug das Buch zu. „Nicht wirklich.“
Er kam näher. „Was heißt das denn?“
„Manchmal schreibe ich Sachen, bei denen ich nicht unterbrochen werden will“, sagte sie nur.
Robert lehnte sich auf den Fahrradsattel. „Möchten Sie einen Kaffee?“
Sie zögerte, aber nur kurz. „Das wäre toll.“
„Wie wollen Sie ihn?“
„Etwas Milch, keinen Zucker.“
Er nickte, stellte sein Rad ab. „Bin gleich wieder da.“
Beschwingt ging er über den Rasen zur Cafeteria hinüber. War das nicht fast schon wie ein Date? Ihm war nach Tanzen zumute.

Wie anders er aussah ohne Kittel. Ich sah ihm nach und lächelte ein wenig über seine O-Beine. Das fiel in den Krankenhausklamotten gar nicht so auf. Er nahm seine Schirmmütze ab, als er in die Cafeteria ging, fuhr sich durch die Haare und stellte sich an. Die Bedienung, eine Frau mittleren Alters, lächelte ihn an, und Robert zeigte noch auf etwas im Tresen. Sie nickte wieder, lächelte. Strahlte beinahe.
Ob er wußte, wie er auf Frauen wirkte? Wie konnte er das nicht. Er war im Kittel eine imposante Erscheinung, arrogant und einschüchternd, doch in den normalen Klamotten sah er ... wirklich gut aus. Selbst wenn es nur Jeans und Pullover waren.
Eine Frau aus der Cafeteria sah ihm nach, schaute, wohin er ging, und ihr Blick streifte mich. Was die jetzt wohl dachte ... Ob Robert das nicht peinlich war, mit mir gesehen zu werden? Mit einer abgewrackten Patientin wie mir ... Warum tat er das überhaupt, sich mit mir abzugeben?
Robert lächelte, als er auf mich zukam. Er hatte die Schirmmütze unter den Arm geklemmt, die zwei Kaffeebecher in der Hand, und auf einem balancierte er einen Pappteller. Sein Lächeln wirkte anders als sonst, freier, offener. Auf Station lächelte er nie so. Als wäre es jetzt wirklich Robert, der da über den Rasen stapfte, nicht der Arzt Hoffmann. Fältchen zogen sich um seine Augen, und ein Grübchen stand in seiner Wange, das ich noch nie gesehen hatte. Auf einmal kam es mir so vor, als hätte ich ihn noch nie richtig lächeln gesehen.
Was kümmerte es mich, warum er das machte. Ich genoß es, daß er einen Teil seines Sonntags opferte, nur um mit mir einen Kaffee zu trinken.
Es war egoistisch, doch ich würde den Kaffee sehr, sehr langsam trinken.

© Petra Vennekohl

29. April 2009

21. Mai 2009

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