Ein Glückstag ist der Tag, an dem du einen Entschluß faßt.
Chinesisches Sprichwort

Einer der Teilnehmer der Everest-Expedition, Herbert, ist Journalist aus Zürich. Er hat nach der Miss-Wahl mit den beiden Gewinnern gesprochen und einen Artikel geschrieben. Er war so freundlich, ihn mir für meine Homepage zu überlassen.

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Der höchste Titel der Welt
Die Wahl zu Miss und Mister Everest
 

Am 20. Mai 2010 war es so weit – zum ersten Mal in der Geschichte der Schönheitskonkurrenz wurde unter den Bezwingern des Mount Everest die Wahl zu Miss und Mister Everest abgehalten. Eine Geschichte, die aufreibender nicht sein könnte. Doch ist der Titel den hohen Preis wert?

von Herbert L. Stangerl

Die Besteigung des Mount Everest gilt seit je her als Königsdisziplin unter Bergsteigern. Doch mehr als 200 Menschen verloren ihr Leben an den tückischen Hängen des Chomolungma, der Mutter des Universums, wie die Tibeter den höchsten Berg der Erde nennen. 8848 m ragt er gen Himmel. 8848 Höhenmeter, die jeder Bergsteiger Schritt für Schritt überwinden muß, um das Dach der Welt zu erreichen.

Doch in diesem Jahr sollte der erhabene Berg Zeuge ganz besonderer Ereignisse werden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurde unter den Bergsteigern, die in der Klettersaison 2010 den Gipfel erreichen, eine Schönheitskonkurrenz ausgetragen werden. Die Teilnahmebedingungen forderten alles von den Teilnehmern, denn nur Gipfelfotos waren zur Bewerbung zugelassen.

Initiator der Wahl, Kletterveteran und Everest-Bezwinger Carlos Montoya Rodriguez aus Spanien, fand Sponsoren für dieses einmalige Unternehmen. Er stellte eine exklusive, handverlesene Truppe aus internationalen Bergsteigern zusammen, zwischen denen die Wahl ausgetragen werden sollte. Anfang April reisten sie nach China, um die Besteigung des Everest von der Nordseite zu beginnen.
Doch das Vorhaben stand unter keinem guten Stern – eine Lawine erfaßte am 14. April 2010 die Expedition von Rodriguez oberhalb des vorgeschobenen Basislagers (6492 m). Sie hatten Glück im Unglück, denn niemand wurde getötet, und im Lager befand sich auch eine 25-köpfige Expedition aus Deutschland und der Schweiz, die über eine sehr gute medizinische Ausstattung und mehrere Expeditionsärzte verfügte. Allen voran der Schweizer Arzt Dr. med. Hajo Störtemann, welcher die verletzten spanischen Bergsteiger professionell versorgte.

Die Verkettung unglücklicher (oder sollte man sagen – glücklicher?) Zufälle schweißte beide Expeditionen zusammen. Als erfahrener Reporter dieser Zeitung konnte ich, Herbert Stangerl, viel Publicity zu dieser ungewöhnlichen Miss-Wahl beisteuern, und Expeditionsarzt Dr. Störtemann versorgte noch mehrfach Verletzungen auch aus der spanischen Truppe. Und so gelang am 18. Mai 2010 17 Bergsteigern beider Gruppen in gemeinsamer Anstrengung der Aufstieg zum Gipfel des Mount Everest.
Der Rest ist bekannt: Zurück im Basislager auf 5182 m gewannen die Studentin der Germanistik und Philosophie, Tanja F. aus München (24), und der aus Schweden stammende Schauspieler Hendrik G. (50) am 20. Mai 2010 um 23Uhr tibetischer Ortszeit die Wahl zu Miss und Mister Everest.

Schnell berichtete die internationale Presse von diesem Traumpaar der Bergsteiger-Geschichte, welche den höchsten Titel der Welt errangen. Die bekannten Strapazen eines Gipfelsturms auf den Mount Everest sind vielfach beschrieben worden – doch niemand interessierte sich für die Wahrheit über die Schwierigkeiten dieser ungewöhnlichen Schönheitskonkurrenz. Nur meiner eigenen Beteiligung an der Schweizer Expedition ist es zu verdanken, daß Tanja F. und Hendrik G. ihr Schweigen über die mysteriösen Ereignisse und dramatischen Szenen brachen, welche sich in eisigen Höhen abspielten.

Das Abenteuer Everest hatte für Hendrik G. schon schwierig begonnen. Heldenhaft bot er seine Hilfe bei der Versorgung der verunglückten Spanier an und geriet dabei selbst in Not. Eine sehr schmerzhafte Steißprellung vereitelte fast seine weitere Teilnahme an der Expedition. Er biß sich durch, bereute es nicht, geholfen zu haben. „Am Berg, da muß man sich gegenseitig helfen, auch wenn es gefährlich ist.“ Zu diesem Zeitpunkt wußte er noch nicht, wie sehr er später auf die Hilfe anderer angewiesen sein würde.
Hätte er es geahnt, er wäre im Basislager geblieben. „Die Folgen dieser Besteigung können mich meine Karriere kosten“, sagt er große, blonde Schauspieler mit dem charmanten Akzent. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch klingt, denn mehr Publicity als durch so einen Titel kann er wohl kaum erringen, ist bittere Wahrheit. Nicht aus Spaß trägt er noch immer eine sehr dunkle Sonnenbrille, selbst hier, im trüben Deutschland. „Everest“, sagt er mit zitternder Stimme, „hat mir meine Augen genommen.“
Doch die Schneeblindheit, sonnenbrandähnliche Verbrennungen der Hornhaut, hätte Hendrik G. fast mehr gekostet als sein Augenlicht. Angewiesen auf die Hilfe seiner Expeditionskollegen war der Abstieg vom Gipfel eine Qual für ihn. „Nicht zu sehen, wohin man an einem Abhang tritt, ist sehr, sehr schwer.“ Sein Dank gilt allen, die ihm halfen. Und noch besteht Hoffnung, daß er auch weiterhin seine Skripte wird lesen können und seine Hand nicht geführt werden muß, um die Autogrammkarten zu unterzeichnen.

Noch schlimmer ist es Tanja F. ergangen. „Es war grauenvoll“, erinnert sich die hübsche 24-Jährige. In 7000 Metern Höhe, im windgebeutelten Zeltlager am Nordsattel des Mount Everest, ist sie unter noch immer ungeklärten Umständen hinterhältig angegriffen und schwer verletzt worden. „Und niemand interessiert sich jetzt noch dafür, wer es gewesen ist.“ Noch immer werde sie von Alpträumen geplagt, daß der Angreifer zurück kommen könnte. „Ich kann diesen scheußlichen Geruch nicht vergessen“, sagt sie mit Tränen in den Augen.
Doch damit nicht genug. Radikale Blog-Gegner, die GAHL, stellten der Gruppe um Tanja F. und Hendrik G. nach. Etliche Teilnehmer wurden entführt, darunter auch der für die Expedition unentbehrliche Dr. Störtemann. Tanja F. entkam nur mit Mühe. „Die sind nur auf uns gekommen“, sagt Tanja F. in einer Stimme, die kälter ist als der Wind am Everest, „weil sie die GAHL zu uns geführt hat.“
Sie – das ist eine Autorin, welche sich hinter dem einfallslosen Pseudonym Federkiel verbirgt. Sie stieß erst später zu dem Expeditionsteam dazu, und manche sagen, sie hätte das Unglück erst heraufbeschworen. „Wir wären besser dran gewesen ohne sie“, bleibt Tanja F.s letzter Kommentar dazu.
Doch trotz dieser aufreibenden Ereignisse hat Tanja F. den Aufstieg auf den Gipfel des höchsten Bergs der Welt bewältigt. Aber der Preis ist hoch – neben ihrer geistigen Gesundheit stehen noch immer ihre erfrorenen Zehen auf dem Spiel. Die Ärzte kämpfen um jeden Zeh, aber noch ist nicht raus, ob sie alle wird behalten können. „Die Leute sehen nur den Titel, nicht was dahinter steht“, sagt sie heute. „Keiner macht sich Gedanken darum, wie schwer es sein wird, wenn ich keine High Heels mehr anziehen kann.“

Doch das Leben muß weitergehen. Und der Mount Everest wird irgendwann im Leben dieser beiden außergewöhnlichen Menschen, die so viel geopfert haben, um als Schönste auf dem Dach der Welt zu stehen, nur noch ein kleines, wenn auch bedeutendes Kapitel sein.

So wie für uns alle, die wir dabei waren.

© Petra Vennekohl, 28. Mai 2010

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