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Mehr als ein Auto

Ein Golf, immerhin ein Cabrio, aber zu alt. Ein Twingo, nein, so einer nicht. Dieser Audi war nicht sauber genug. Wer nicht gut mit dem Auto umging, der pflegte auch seine Freundin nicht.

Melanie spazierte die Straße entlang und schaute die Autos an. Wie oft hatte sie einen Wagen geklaut und wegen der Belohnung zurückgebracht? Sie zählte nicht mehr. Doch dieses Auto sollte das letzte sein. Dieses Mal suchte sie mehr als nur einen Wagen, dieses Mal würde sie sich auch den Mann angeln.

Sie blieb an der Straßenecke stehen und zündete eine Zigarette an. Ein BMW kam um die Ecke, nicht zu neu, den würde sie leicht aufkriegen. Ein Mittvierziger stieg aus, Anzug, die Krawatte gelockert, ein farbiges Hemd. Elegant aber nicht zu streng, teuer, aber nicht zu teuer. Melanie schürzte die Lippen. Die beiden gefielen ihr.

Der Typ stieg aus und ging auf eine Doppelhaushälfte hinter einer Hecke zu. Melanie lungerte den ganzen Nachmittag in der Straße herum, doch der BMW bewegte sich nicht von der Stelle. An dem Haus stand T. Grastan. Sie grinste. T., nicht Familie.

Sie ging zur Ubahn und fuhr nach Hause. Dort fand sie im Telefonbuch nur einen Grastan. Thomas, Straße und Hausnummer stimmten. Sie lernte die Nummer auswendig. Tom und Melanie, das klang gut. Morgen war er fällig.

Sie war am nächsten Tag da, als er nach Hause kam, seinen Wagen abstellte und ins Haus ging. Melanie wartete etwas, dann schlenderte sie den Weg entlang. Ihr Herz hämmerte, doch ihre Hände waren ruhig, als sie das Auto knackte. Sie stieg ein, zog die Kabel hervor, schnitt sie durch und startete den Wagen. Ein Kinderspiel, wenn man Ahnung hatte.

Schnell fuhr sie aus der Straße davon und lachte auf. Geschafft. Sie lenkte den Wagen auf einen abgelegenen Parkplatz eines Einkaufszentrums. Hier konnte Tom sie gut mit der Ubahn erreichen und sein Auto abholen. Eine Stunde schlenderte sie an den Geschäften vorbei, dann ging sie zum Auto zurück. Obwohl der Wagen offen stand, war noch alles da.

Sie wußte nicht, ob jemand sie beobachtete, aber sicher war sicher. Langsam ging sie um das Auto herum, betrachtete die heraushängenden Kabel. Dann holte sie ihr Handy heraus und tat, als ob sie mit jemandem telefonierte. Sie gab vermeintlich das Kennzeichen durch und schrieb dann Toms Nummer auf einen Zettel.

Dann rief sie Tom an, erzählte ihm vom Parkplatz, daß sein Auto hier stehe, von ihrem Freund bei der Zulassungsstelle, der ihr die Nummer gegeben hatte. Er versprach, gleich zu kommen und bat sie, beim Auto zu warten.

Sie grinste und legte auf. Natürlich wartete sie. Sie würde ihn überzeugen, daß die Polizei mehr Scherereien machte, als diese Bagatelle wert war. Er würde ihr eine Belohnung aufdrängen. Und sie würde sich zum essen einladen lassen. Perfekt.

Schließlich hielt ein Wagen neben ihr, und Tom stieg auf der Beifahrerseite aus. "Haben Sie mich angerufen?"

Wieso kam er nicht allein? Melanie zwang sich zu einem Lächeln. Das essen konnte sie abschreiben. "Ja, ich habe den Wagen hier gefunden."

Er streckte ihr die Hand entgegen, und Melanie nahm sie.

Er hielt ihre Hand fest umfangen. "Sie sind verhaftet wegen Autodiebstahls."

"Aber ... warum ... wie?"

"Das Auto ist auf meine Schwester zugelassen, und die wohnt in einem anderen Stadtteil."

© Petra Vennekohl

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