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Heuschnupfen

Es war der erste heiße Frühlingstag. Beate hatte die Klimaanlage auf kühl eingestellt, weil sie die Hitze nicht ertragen konnte. Dennoch war Helmut schweißgebadet.

Das Gelb der Rose sah unter der Halogenlampe auf dem Küchentisch unnatürlich fahl aus. Er atmete viel zu schnell, die Luft unter der Staubmaske war feucht und verbraucht. Vorsichtig riß er das Beutelchen mit der weißen Substanz auf, das er schon vor einigen Wochen gekauft hatte. "Einmal inhalieren genügt!" hörte er den Chemiker noch sagen, während dieser sich mit dem Finger über die Kehle gestrichen hatte.

Helmuts Hände zitterten, als er ansetzte, das Gift über die aufgeblühte Rose zu streuen. Die dünnen Latexhandschuhe klebten und brachten die Haut zum Jucken. Er konnte das Beben seiner Hände nicht unterdrücken, und so nutzte er es aus, um das todbringende Pulver gleichmäßig zu verteilen.

Er wußte, daß Beate den Duft von Rosen liebte. Sie würde es sich nicht nehmen lassen, einen tiefen Zug zu tun. Statt nur ein wenig des Duftes zu genießen, würde sie wie immer ihre Nase tief in die Blütenblätter stecken. So, wie sie immer alles übertreibt, dachte er.

Das Pulver mit dem unaussprechlichen Namen hatte ihn ein kleines Vermögen gekostet. Aber wenn es seine Wirkung tut, dann spart es mir eine Menge Geld, denn sie wird es dann nicht mehr ausgeben. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Diese Rose war das letzte, das sie in ihrem Leben sehen würde.

Wenn sie glaubt, daß mir diese halbherzige Entschuldigung genug ist, dann kennt sie mich schlecht. Dieses Mal ist sie zu weit gegangen! Mich mit meinem besten Freund zu betrügen! dachte er aufgebracht.

Er stellte die Blumen griffbereit auf die Anrichte im Flur und betrachtete sein Werk. Er nickte zufrieden, denn im Halbdunkel war der Pflanze nichts anzusehen. Er entledigte sich der Handschuhe und der Maske und räumte noch die Küche auf. Schließlich stand er in der Tür zum Flur und rieb seine schweißnassen Hände. Sein Blick hing an der wunderschön tödlichen Rose in der Mitte des Straußes.

Er stand und wartete. Schließlich hörte Helmut einen Schlüssel im Schloß. Die Tür öffnete sich. Er atmete tief ein, ging auf den Strauß zu und hielt den Atem an.

Beate kam herein. Als er ihr die Blumen entgegenstreckte, wagte er kaum noch einen Atemzug. Sie gab einen Aufschrei des Entzückens von sich und nahm den Strauß mit einem Lächeln entgegen. Helmut verfolgte atemlos, wie sie ihn zu ihrem Gesicht führte. Sie kam einen Schritt auf ihn zu, und er mußte sich zwingen, nicht vor der Blume zurückzuweichen. Eine Schweißperle rann über seine Schläfe in den Kragen hinab.

Beates freudiger Gesichtsausdruck verzerrte sich plötzlich zu einer Grimasse. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, und sie warf ruckartig den Kopf in den Nacken, den Mund zu einem stummen Schrei aufgerissen.

Helmuts Gesicht verwandelte sich in ein hämisches Grinsen. Es ist ja so einfach! Jetzt wird sie mich nicht mehr zum Narren halten! Erleichtert atmete er auf. Ich habe gewonnen!!

Beate nieste. Vor Helmut stäubte das Pulver in die Höhe. Das plötzliche Geräusch erschreckte ihn so fürchterlich, daß er erstaunt die Luft einsog. Sein Herz verkrampfte sich schmerzhaft. Er griff sich an die zugeschnürte Kehle. Im Fallen hörte er sie noch sagen: "Verfluchter Heuschnupfen!"

© Petra Vennekohl

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