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Vorsicht, Herr Minister!

Ein Riese im schwarzen Anzug stiess Sabrina zur Seite. Da waren insgesamt vier dieser Typen, in ihrer Mitte ein Mann im Nadelstreifenanzug, unbehelligt von der Menge auf dem Sommerfest. Graumelierte Haare über Schweinsaugen. Es war Robert Maxim, Minister für Innere Sicherheit.

Die Menschen strömten hinter dem VIP hinterher, und Sabrina ließ sich mittreiben. Das flauschige Mikrofon eines Fernsehteams schwebte über den Köpfen.

Was tat Maxim in ihrem Städtchen? Publicity, was sonst. Die nächste Wahl stand bevor, und für Maxim sah es schlecht aus, obwohl man ihn für den ehrlichsten Politiker des Landes hielt.

Der Tross trieb zum Festzelt, vorbei an Spielbuden und Fahrgeschäften. An einem Krankenwagen lehnten mehrere Rettungssanitäter. Sabrina kannte die beiden nicht, dabei arbeitete sie seit zwei Jahren in der Notaufnahme des einzigen Krankenhauses der Stadt.

Vor dem Festzelt drehte sich Maxim zu der Menge um. Er hob die Hand und winkte.

Ein Knall zerriss Luft. Maxim sackte zusammen. Für einen Augenblick stand alles still. Dann schrien die Menschen durcheinander.

Ein Attentat? Hier? Sabrina wirbelte herum. Sie konnte den Schützen nicht sehen.

"Ein Arzt!? Schnell!"

"Hier!" Sabrina drängte sich durch die Menschen. Die Männer standen eng um ihren Schützling herum, doch Sabrina schob sich durch eine Lücke und kniete neben dem Minister nieder. Er presste seine Hände auf den Unterleib, Blut quoll zwischen den fleischigen Fingern hervor.

"Ganz ruhig, Herr Minister", sagte sie. Er stöhnte nur.

Das Objektiv der Fernsehkamera stiess zwischen den Leibwächtern hindurch.

"Verschwinden Sie!", rief Sabrina und tastete nach dem Puls des Verletzten. Das Herz schlug schnell und kräftig. Maxims Gesicht war schmerzverzerrt. Er drehte sich von ihr weg der Kamera zu.

Wieso hatte Maxim einen so hochroten Kopf? Bei dem Blutverlust müsste er längst einen Schock haben.

"Zur Seite!" Einer der beiden Sanitäter drängte sich durch die Bodyguards. Der zweite schob sie von Maxim weg. "Wir machen das schon."

Sabrina stand langsam auf. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Was bildeten die sich ein? Maxims Blut klebte noch an ihren Fingern, aber irgendwie fühlte es sich merkwürdig an, nicht schmierig genug. Sabrina hob eine Hand unter die Nase und roch daran. Nichts, gar nichts.

Die Sanitäter hoben Maxim auf die Bahre, und er schrie auf. Die Menge um sie herum stöhnte. Die Kamera hielt alles fest.

Sabrina starrte auf ihre Hände. Das war gar kein Blut! Sie hörte das sympathisierende Gemurmel der Schaulustigen, und wusste plötzlich, wieso Maxim diese Show abzog. Den halben Weg zur Ambulanz hatten sie schon geschafft. Maxim stöhnte theatralisch.

Sabrina riss die Hände hoch und rannte los. "Alles Show! Er ist gar nicht verletzt!"

Ein Bodyguard packte ihren Arm und zog sie an sich, ehe sie Maxim erreichte. Er presste eine Hand auf ihren Mund.

Doch es war zu spät. Sabrina sah die Empörung auf den Gesichtern der Menschen. "Unverschämtheit!", rief jemand, "Betrüger!" ein anderer.

Sabrina wand sich im Griff des Gorillas und schaute auf Maxim.

Jetzt war sein Gesicht schockweiß.

© Petra Vennekohl

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