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Das erste Opfer

"Du weißt, was du zu tun hast."

Greg nickte, als Boss ihm auf die Schulter schlug.

"Und nicht irgendeine Omi, wir wollen ein knackiges Bild sehen!" Die anderen lachten.

Greg stieß sich von der Mauer ab. Mit gekonnten Schwüngen seiner Inliner nahm er Fahrt auf und preschte aus dem Innenhof zur Fußgängerzone.

Sein Magen kribbelte, als er daran zurückdachte, wie Boss ihn ausgelacht hatte. Mitmachen, einfach so? Die Hell Skates nahmen nicht einfach so jemanden auf, da mußte man zeigen, was man konnte.

Der Fahrtwind strich über Gregs kurzgeschorenen Putz, als er die Straße hinabflitzte. Ein Fahrradfahrer schrie hinter ihm her, aber Greg war schon um die nächste Kurve verschwunden, wich geschickt einer Autotür aus. Er mußte einfach bei den Hell Skates dabei sein, er fuhr mindestens so gut wie Boss, wenn nicht besser.

Ohne Zögern überquerte er die Straße, die an der Fußgängerzone entlangführte. Ein Wagen hupte hinter ihm.

Greg schlängelte sich durch die Menschen, kurvte um alte Damen und Mütter mit Kinderwagen.

Keine Omi, hatte Boss gesagt. Und es sollte jemand sein, der nach Geld aussah. Der größte Schein ging wie immer an Boss, aber der Rest gehörte ihm.

Er erreichte das Ende der Fußgängerzone, ohne was Passendes gefunden zu haben. Er fuhr eine großzügige Kurve und machte sich auf den Rückweg. Wohl war ihm nicht bei der Sache, aber Greg ignorierte das schmerzhafte Ziehen in seinem Magen. Er wollte endlich zu den Hell Skates gehören. Und das Geld konnte er auch gut gebrauchen.

Er fuhr mit der Sonne im Rücken und musterte die entgegenkommenden Menschen. Zu alt, zu arm. Keine Handtaschen, nur blöde Rucksäcke. Dann fand er, was er suchte. Eine glänzende Tasche an einer zierlichen, gut gekleideten Frau mit roten Haaren.

Greg beschleunigte, erreichte sie in Sekundenschnelle. Er griff nach dem Riemen und riß die Tasche von ihrer Schulter. Sie blinzelte vor Überraschung, aber er sauste schon davon, seinen Fang in der Hand.

Sie rief was von Polizei hinter ihm her. Greg grinste nur und huschte über die Straße und aus der Fußgängerzone. Sein Herz raste wie verrückt. Geschafft! Und wie leicht das war!

Er fuhr einen Umweg, nur um das Rauschen des Wind in seinen Ohren zu genießen. Er lachte über die Flüche und Rufe der Radfahrer und Fußgänger.

Schließlich erreichte er den Hinterhof der Hell Skats. Triumphierend ließ er die Tasche über seinem Kopf rotieren und bremste scharf vor Boss und den anderen.

Sie sprangen von der Mauer und umringten ihn. Greg öffnete die Tasche. Er kramte durch Lippenstift und Schminkspiegel, dann fand er ein kleines Lederetui. Boss schnappte es ihm sofort weg und klappte es auf. Seine Kinnlade fiel herab. "Mist!"

Greg riß ihm das Teil weg und schaute auf den Ausweis.

Einen Polizeiausweis.

"Sie ... sie konnte mir nicht folgen", stotterte er, "ich war zu schnell."

"Das brauchte ich auch nicht", sagte eine Stimme hinter ihnen.

Greg wirbelte herum. Dort stand sie, die zierliche Frau mit den roten Haaren. Hinter ihr stand ein Polizeiwagen, blockierte die Ausfahrt.

"Jeder weiß, wo die Hell Skates sich treffen." Sie grinste Greg an. "Falsches Opfer! Du bist verhaftet."

Jetzt gehörte er wirklich dazu.

© Petra Vennekohl

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