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Die Puderdose

Melissas Absätze klapperten auf dem Steinfußboden, als sie die Bankfiliale betrat. Möglichst unauffällig sah sie sich um. Nichts hatte sich verändert. Der häßliche Teppich mit dem Bankmotiv lag noch genau dort, wo sie ihn brauchte.

Melissa ging langsam durch den Raum zum Prospektständer mit den Sparplänen und mußte ein Grinsen unterdrücken. Sparen? Nie mehr. Ihr Plan war perfekt. Es kam nur darauf an, die Bombe richtig zu plazieren.

Sie stand mit dem Rücken zur Überwachungskamera und fingerte in ihrer großen Handtasche. Wie eine Puderdose, dachte sie und strich über den winzigen Knopf am Rand des Metallteils. Der Zünder war auf fünf Minuten eingestellt.

Das falsche Haar der Perücke kitzelte an ihrer Wange, aber Melissa rührte sich nicht. Sie blätterte in einem der Prospekte, während sie das Foyer beobachtete. Kunden drängten sich vor den Schaltern. Recht so, das brachte mehr Ablenkung. Und schließlich fuhr auch der Panzerwagen vor. Melissas Herz begann schneller zu schlagen.

Betont langsam steckte sie den Prospekt in ihre Tasche. Sie schloß ihre Finger um die kleine Metalldose und drückte den Auslöser. Fünf Minuten.

Melissa ging an einer Frau mit Krücken vorbei, passierte zwei ältere Herren und steuerte direkt auf die Toiletten zu. Elegant hakte sie mit dem Fuß unter den Teppich, gab einen kleinen Schrei von sich und stolperte. Noch im Fallen streckte sie den Arm aus, ihre Finger öffneten sich genau im richtigen Moment, und die kleine Dose rutschte lautlos unter den Schalter.

Perfekt.

Der Aufprall war härter als auf ihrem Fußboden zu Hause, doch Melissa merkte es kaum. Ein Bankangestellter half ihr auf die Beine, sie bedankte sich hastig und eilte weiter zur Toilette. Die Zeit lief.

Sobald die Kabinentür geschlossen war, riß sie die Perücke vom Kopf und strich sich durch die kurzen Haare. Sie zog die Hose über den elastischen Rock, wechselte die Pumps gegen leichte Turnschuhe. Schließlich holte sie die Maske aus der Tasche, die sie vor dem Rauch schützen sollte.

Melissa wippte auf ihre Zehenspitzen. Lange hatte sie gegrübelt, um einen Platz für die Bombe zu finden. In der Toilette wäre es einfach gewesen, aber wen sollte der Rauch hier stören? Unter dem Schalter lag sie genau richtig. In ihrem Kopf hörte Melissa schon die Schreie der Leute, wenn die Rauchbombe hochging. Sie sah sie bereits in Panik durcheinander laufen. Keine Kamera konnte noch irgend etwas aufzeichnen, und alle Wachen wären am Geldtransporter. Aber der interessierte sie gar nicht. Ein Sprung über die seitliche Schalterbegrenzung, und schon lagen die Kassen vor ihr. Und dann im Tumult entkommen.

Melissa zog die Maske über das Gesicht. Es mußte jeden Augenblick losgehen.

Die Tür zum Waschraum öffnete sich. Ausgerechnet jetzt! Sie hörte humpelnde Schritte.

"Hallo? Sind sie hier drin?" Gummi quietschte auf den Fliesen. "Sie haben bei dem Sturz Ihre Puderdose verloren. Sie lag unter dem Schalter, aber ich habe sie mit der Krücke wieder hervorgeholt. Ich lege sie Ihnen hier hin."

Dann waren die fünf Minuten um.

© Petra Vennekohl

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