zurück

Die Rivalin

Elke stand am Fuß der Treppe und starrte auf den Körper zu ihren Füßen.

Langsam ging sie in die Hocke und näherte ihre Hand dem Hals des Mannes.

Ihres Mannes. Thorsten.

Sie berührte die weiche Haut an seinem Hals. Sie war warm, natürlich, er war ja gerade erst gestorben. Aber nichts rührte sich mehr in ihm, kein Atmen, kein Puls.

Elke sprang auf und taumelte zurück. Tot, Thorsten war tot. Das war nicht das Schlechteste, sie hatte ihn schon oft in ihren Gedanken getötet, ihn abgestochen, erdrosselt, erschossen, ertränkt, vergiftet. Aber nie die Treppe hinabgestoßen.

Sie preßte die Hände vor den Mund. Es war kein schönes Geräusch gewesen, als sein Genick brach. Sie hätte er wartet, daß es unter dem ganzen Gepolter unterging, wenn sein Körper auf die Stufen prallte, aber dieses Knacken hatte sie dennoch gehört.

Sie starrte auf ihn hinab, hörte noch seine Worte in ihrem Kopf. "Elke", hatte er mit sehr ernstem Gesicht gesagt, "ich habe mich mit jemandem getroffen. Sie kommt nachher vorbei."

Doch sie hatte nur auf das blonde Haar an seinem Anzug gestarrt. Er hielt sie für so dämlich, daß sie das nicht bemerkte. Ja, sie hatten Probleme, aber sie hatte sich abgemüht, sie zu lösen. Sie wollte das Haus renovieren, erneuern, so wie ihre Ehe. Und er?

Sie hatte ihn letzte Woche schon gesehen mit diesem blonden Gift. In einem Straßencafé in der Sonne, sie lachten, Cappuchino tranken. Und sie beugten sich zusammen über irgendwelche Zeichnungen, ganz nah beieinander. Da hatte sie beschlossen, Thorsten zu töten. Sie strampelte sich ab, um ihre Ehe zu retten, und er? Machte Pläne mit einer anderen Frau.

Elke riß das lange blonde Haar von seinem Revers. Dieser Lackaffe!

Wie eine Litanei hörte Elke den Satz in ihrem Kopf. "Sie kommt nachher vorbei, sie kommt vorbei. Sie kommt."

Dieser Satz hatte ihm das Genick gebrochen. Elke lachte schroff auf. Im wahrsten Sinne des Wortes! Wie konnte er es auch wagen, dieses Flittchen in ihr Haus einzuladen?

Elke ballte die Fäuste. Sie mußte einen Krankenwagen anrufen, aufgelöst sein, weinen und zetern. Das schaffte sie schon. Und wenn es nicht echt wirkte, wen würde es kümmern? Sie war eine Ehefrau unter Schock.

Sie suchte in ihrem Innern nach Tränen, als es an der Haustür klingelte. Elke schrak zusammen.

Sie! Das war sie!

Elke stand wie angewurzelt. Einfach nicht aufmachen. Sie würde nicht vor seiner Geliebten die traurige Ehefrau spielen, sie würde einfach ein bißchen warten, bis die Tussi wieder ging, und dann erst den Krankenwagen anrufen.

Es klingelte erneut. Auf Zehenspitzen schlich Elke zur Tür und spähte durch die Scheibe. Und da stand sie, groß, blond, lächelnd.

Die andere hob die Hand und klingelte erneut, lugte selbst durch das Glas, winkte. Elke zuckte zurück, die hatte sie gesehen. Jetzt mußte sie aufmachen. Langsam zog Elke die Tür auf.

"Frau Wagner?", sagte die Blonde und streckte ihr die Hand hin, doch Elke wich zurück.

"Mein Name ist Donst vom Architekturbüro Donst und Hinke. Ihr Mann hat mit mir über die Renovierung ihres Hauses gesprochen." Sie lachte. "Wie ich sehe, ist die Überraschung gelungen."

© Petra Vennekohl

zurück

 
 
 
    Home / News / Autorin / über mich / Links