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Beidseitige Rückhand

Das Rührei begann gerade in der Pfanne zu brutzeln, als es an der Tür klingelte. Helene stöhnte auf. Was hatte Karl denn jetzt wieder vergessen? Wenn ihr Nachbar noch schusseliger wurde, landete er wirklich im Heim!

Es klingelte wieder. „Ja, ja“, murmelte sie und drehte den Herd herunter. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging zur Tür. Sie öffnete. „Karl, was ...“

Ein junger Mann drängte sich in die Wohnung, ein großes Messer vor sich. „Hände hoch, Oma, und her mit dem Geld!“

Helene stolperte zurück. „Was für Geld?!“

Er fuchtelte mit dem Messer. „Dein Geld!“ Er stieß mit dem Fuß die Tür hinter sich zu.

Helene ging rückwärts von ihm weg. Ihr Herz raste. Der würde sie doch nicht niederstechen! Sie hatte ja fast kein Geld zu Hause!

„Komm schon, ich habe nicht ewig Zeit!“

Sie taumelte rückwärts, bis sie gegen die Wand stand. Wenn Marion davon erfuhr! Die würde toben. Dass sie einfach so die Tür aufgemacht hatte ... Nachher war Helene selbst diejenige, die im Heim landete und nicht Karl.

Der junge Mann ragte vor ihr auf. Zaghaft sah Helene zu ihm hoch. Groß zwar, aber ein schmales Bürschchen, kaum älter als ihr Enkel. Er hatte ein Tuch vor dem Gesicht, eine Schirmmütze auf. Helene ballte die Faust. Wenn er das Messer nicht hätte ... sie würde ihn aus seinen Turnschuhen hauen! Schließlich hatte sie bis vor ein paar Monaten noch regelmäßig Tennis gespielt! Und wenn sie ihn verjagte, brauchte Marion nichts davon zu wissen.

„Bist du taub, Oma? Mach hin!“

Aus der Küche hörte sie ihre Abzugshaube, und der Geruch des Rühreis waberte in den Flur. Rührei in der Pfanne. Vielleicht, wenn sie ... „In der Küche“, stammelte sie. „Das Geld ist in der Küche.“

„Los! Hol es.“

Helene drückte sich an der Wand entlang und bemühte sich, ängstlich auszusehen. Schwer war das nicht, ihr Herz hämmerte noch immer.

Er lachte jetzt. „Alte Leute seid echt bekloppt. Geld in der Küche.“

Bekloppt? Sie hatte hart für ihre Rente gearbeitet, und dieser Bubi würde sie nichts davon kriegen. Keinen Pfennig.

Der Kerl wedelte wieder mit dem Messer, und Helene ging weiter in die Küche, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Sie tastete sich rückwärts in Richtung Herd. Der Bursche kam ihr nach, das Messer nicht mehr ganz so hoch erhoben. Die Pfanne ... wie ein Tennisschläger. Das konnte sie doch. Beidseitige Rückhand.

Helene drehte sich um, umfasste den Griff der Pfanne. Sie fuhr herum, schlug zu. Traf Hand und Messer.

Es schepperte wie ein Gong, gelbe Eierfetzen spritzten umher, landeten auf Fußboden, Schränken, Tapete, klatschen gegen das Fenster. Das Messer flog davon. Der Junge heulte auf, taumelte und fiel. Helenes Hände schmerzten von dem Aufprall, doch sie hielt die Pfanne fest, hoch erhoben über dem Bengel.

Der sah ängstlich zu ihr hoch, umklammerte seine verbrannte Hand. Dann rappelte er sich hoch und lief stolpernd aus der Wohnung.

Helene ließ die Pfanne sinken und atmete auf.

Sie sah sich in ihrer Küche um. Schade um das gute Rührei.

© Petra Vennekohl

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