Früher zog der Abenteurer in die Prärie oder den Dschungel,
heute setzt er sich an den Computer.

Martin Gerhard Reisenberg

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Reisebericht der Baumkänguruhs

Dieser Artikel ist auch auf meinem Blog und kann dort kommentiert werden.

Paranoia mit dem PNG Survival Team  

Meine Vorfreude war groß, als Chefarzt verkündete, es gäbe eine neue virtuelle Expedition. Ich habe mich sofort gemeldet, keine Frage. Aber ausgerechnet im November. November ist NaNoWriMo-Zeit, aber ich war fest entschlossen, mir weder das eine noch das andere nehmen zu lassen. Irgendwie würde es schon gehen.
Recherche über Papua Neuguinea. Komischerweise gab es nicht so richtig viel Literatur, die mir zusagte. Auf die Carstensz-Pyramide, das hatte ich nie gehört, nie gesehen. Bei Google Earth gab es auch nicht so viele Bilder vom Basecamp. Erstaunlich, wirklich unbekanntes Terrain. Land of the unexpected!

Und dann ging es los.
„Wer in Begleitung eines Baumkänguruhs reist, kriegt Rabatt!“ Wirklich eine charmante Idee, fand ich, aber ich hätte nie und nimmer gedacht, welch wichtige Rolle die Kleinen während des Abenteuers spielen würden (Stichwort – BSEK). Sie haben ja sogar unser Reisetagebuch beigesteuert. Naja, mit ein bißchen Hilfe.
Und kaum waren wir in Port Moresby, Papau Neuguinea, angekommen, hob die Story ab. Wuuuuhuuuu!

Sie hob ab und kam nicht wieder runter. Kaum eine Pause, kein Tag ohne aufregende Ereignisse, selbst an den Ruhetagen nicht. Eine simple Zwischenlandung im Dschungel? Wir schlittern trotzdem in die Katastrophe. Flugzeug stürzt ab? Kein Problem, wir organisieren einen Hubschrauber (und entdecken ungeahnte Talente in unseren Charakteren).
Und wow! Was für ein Tempo in der Story! Da kam man manchmal gar nicht recht nach. Also schlug ich Chefarzt vor, man könne doch vielleicht immer mal wieder Zusammenfassungen posten, damit diejenigen, die mal nicht mal eben ein paar Hundert Kommentare nachlesen wollen, doch weiter teilhaben können – ein Versuch, das Abenteuer nachvollziehbar zu machen. So entstand das Reisetagebuch der Baumkänguruhs – und ich ackerte mich (mit den Baumis natürlich) durch die Kommentare und tippte nächtens die Zusammenfassungen. Ab und an hätte ich gerne mehr geschlafen, aber ich fand es wichtig, das durchzuziehen. Zwischendurch war ich etwas traurig, weil wir so schnell an der Carstensz-Pyramide angekommen waren. Bergsteigen war wieder angesagt. Auch nicht schlecht, aber wir hatten im Dschungel noch nicht mal widerliche Krabbeltiere gegessen … Glücklicherweise hatte die GAHL ein Einsehen und wir durften uns doch noch durch den Dschungel schlagen. Ah, rohe Schlange essen. Lecker!
Einige Aktionen waren besonders cool, und der Chefarzt hat zurecht den Begriff Speedblogging geprängt – Hunderte von koordinierten und aufeinander aufbauenden Kommentaren in nur einer Stunde. Spitzenreiter ist dabei die nächtliche esteigung der Carstensz-Pyramide mit an die 300 Kommentaren in 45 Minuten, dicht gefolgt von Elenas Befreiung. Wenn man mit Herzklopfen vor dem Rechner sitzt, weil gleich der Startschuß kommt … das ist schon was Besonderes. Abenteuer in Echtzeit! Da hat man keine Zeit, was zu Trinken zu holen – in den Minuten sind schon wieder so viele neue Kommentare geschrieben! Und während man tippt, kommen wieder welche. Der helle Wahnsinn … und ein irrer Spaß.
Zwischenzeitlich brach bei mir die GAHL-Paranoia auch im echten Leben aus. Twitter-Direktnachrichten verschwanden, Emails kamen nicht mehr an, Facebook stellte mir die Nachrichten nicht dar. Sabotage! Letztlich klärte sich (fast) alles auf, aber das war schon ein seltsames Gefühl … da verschwammen kurzzeitig die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Und das mir, wo ich die GAHL doch erfunden habe.
Long long, waia i lus!

Und nun sind sie schon wieder vorbei, 16 rasante Tage. Nicht mehr morgens als erstes den Rechner anmachen, um auf der Monsterdoc-Seite nach neuen Kommentaren zu gucken. Das Schlafdefizit ist wieder ausgeglichen … einiges von dem, was liegen geblieben ist, ist aufgearbeitet (nur die ganze Wäsche noch nicht). Ich versenke mich wieder in mein Romanprojekt.

Die Normalität kehrt zurück (was man so normal nennt in der Vorweihnachtszeit). Und doch hängen meine Gedanken noch dem Abenteuer in Papua Neuguinea nach. Wie immer, wenn mich etwas begeistert, brauche ich eine Weile, das wieder aus dem Kopf zu kriegen. Doch insgesamt fiel mir der Abschied vom Berg dieses Mal leichter. Vielleicht, weil Federkiel jetzt nicht wieder auf unbestimmte Zeit in der Versenkung verschwindet, sondern von ihrem Besuch auf der Monsterdoc Seite auf ihren eigenen Blog zurückkehrt, zurück nach Defihausen.
Ich halte nicht hinter der Pyramide mit dem, was ich schreiberisch treibe, und viele haben gefragt, wie es denn läuft im Dschungel. Es fällt mir schwer, anderen zu erklären, was an dieser Art Literatur so faszinierend ist. Daß es nur zu einem bewissen Teil steuerbar ist, was da geschieht. Daß man schnell auf das reagieren muß, was von den anderen kommt. Daß sich eine Gemeinschaft bildet, Charaktere werden „mitgeschleift“, wenn die Figur gerade herrenlos ist, da wird niemand im Stich gelassen. Daß es einfach Spaß bringt, verrückte Sachen zu machen, die ich sonst so nie schreiben würde.
Kurz: abgefahren und klasse! Digim hul!
Natürlich drängt sich der Vergleich auf – was war spannender? Mount Everest oder Papua Neuguinea? Man kann es kaum vergleichen. Am Everest hatten wir viel mehr „Leerlauf“, meistens ging es ruhiger zu (bis auf das furiose Finale am Berg). PNG war sehr gedrängt und actionlastig. Das ist gut (weil kürzer und überschaubarer), aber auch anstrengender. Vermißt habe ich die Partys im Musikzelt …

Was hat es gebracht? Ich weiß jetzt ein bißchen mehr über ein mir vorher unbekanntes Land (inklusive einiger Brocken Tok Pisin, der Landessprache) und hatte vor allem viel, viel Spaß!
Und wie geht es weiter? Hajo ist abgetaucht, wie immer nach so einem Abenteuer. Aber ich kenne ihn mittlerweile, er wird nicht ewig die Finger von diesen verrückten Unternehmungen lassen können. Ich hoffe ganz stark, daß er wiederkommt! Wir haben die Seven Summits angefangen – den jeweils höchsten Berg eines Kontinents zu besteigen. Asien, abgehakt. Ozeanien, abgehakt. Fünf fehlen also noch … und die Geschichte der GAHL ist noch nicht zu Ende. Es bleibt spannend, und wenn es irgend geht – ich bin dabei!

Danke möchte ich noch sagen. Vor allen an Chefarzt, weil er diese wundervollen Aktionen ins Leben ruft, sie mit Hingabe und überraschenden Ideen zu einem echten Abenteuer macht. Dank auch an das PNG Survival Team, daß Ihr alle mitgemacht habt, denn ohne die Vielfalt an Kommentaren macht’s ja nur halb so viel Spaß.
Und last, but not least – Danke, liebste Familie, daß ihr meine Schreib-Eskapaden aushaltet und die zwei Wochen Ausnahmezustand ertragen habt.

© Petra Vennekohl, 5, Dezember 2010

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