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Überzeugungskünste

Caroline schloß die Tür hinter sich und ging den Flur entlang. Sie fuhr mit den Fingernägeln über die aufgeschäumte Tapete. Sie spürte, wie sich tiefe Rillen bildeten, der Schaum unter ihren Fingerkuppen entlangzog. Richard liebte diese Tapete.

Sie passierte die Wohnzimmertür und blieb stehen. Parkett. Caroline schaute auf ihre Schuhe und zog eine Grimasse. Solange keine Steine im Profil klemmten, waren ihre Birkenstocks nicht zu gebrauchen. Sie bog ab in die Küche und starrte auf die Fliesen. Unkaputtbar. Ihr Blick fiel auf den Küchentisch, und sie ging darauf zu. An einer Kante der Tischecke stand etwas Umleimer ab. Natürlich auf ihrer Tischseite. Sie hakte mit dem Finger unter und brach ein zentimeterlanges Stück ab.

Anschließend nahm sie den Aschenbecher vom Tisch. Schwer lag das dicke Glas in ihrer Hand, kalt und abstoßend. Und schon dieses Orange. Aber Richard bestand darauf, ihn zu behalten, seine Mutter hatte es ihnen geschenkt. Und das obwohl sie beide Nichtraucher waren.

Caroline hob den Aschenbecher an, hoch bis auf Kopfhöhe, dann ließ sie ihn im Vorbeigehen ins Waschbecken fallen. Das Glas zerbarst, und Splitter klingelten in der Spüle. Musik in ihren Ohren. Mit etwas Glück war sogar das Keramikbecken gesprungen.

Caroline verließ die Küche und überquerte den Flur. Es war typisch für Richard, daß er nichts hörte, wenn er vor seinem Computer saß. Aber ins Arbeitszimmer kam sie noch früh genug.

Lächelnd betrat Caroline das Schlafzimmer. Sie zog die Kante des Schuhs über den Teppich, entzückt über den dunklen Streifen, den es hinterließ. Wie gut, daß sie so regelmäßige Schuhpflege betrieb, selbst an ihren Hausschuhen. Sie durchquerte das Schlafzimmer auf Sohlenkanten.

Vor ihrem Schuhschrank schleuderte sie ihre Birkis in Richtung Standspiegel, verfehlte ihn jedoch. Sie zuckte die Schultern, öffnete ihren Schuhschrank und prüfte die Absätze ihrer Pumps. Dann wählte sie ein besonders hartes Paar aus.

Caroline ging hinaus in den Flur, schliff ihre Fingernägel noch einmal an der Tapete und bog dann ins Wohnzimmer ab.

Sie haßte das Parkett. Filzteile unter den Stühlen, Gäste mit kalten Füßen, weil sie ihre Schuhe ausziehen mußten, Teppiche überall verteilt, häßliche Muster, und immer wieder neue Teppiche, die Richards Mutter knüpfte. Caroline betrat das Zimmer, achtete darauf, mit jedem Schritt sorgfältig auf den Hacken zu treten. Einmal hin, einmal zurück, quer durch den Raum, das sollte reichen.

Sie trat hinaus in den Flur, ging zu Richard Arbeitszimmer. Sie öffnete die Tür und sagte: "Vielleicht solltest du dir das mit der Renovierung noch einmal überlegen, Schatz."

© Petra Vennekohl

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