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Die Glocke

"Ver - sen - ken!"

Ich verdrehte die Augen. "Schrei nicht so rum, ich stehe doch neben dir." Ich schob den Hebel nach vorne.

Die Taucherglocke platschte ins Wasser, besprühte uns mit eisigem Seewasser. Die Ketten rasselten am Kran, als das Ungetüm in der Tiefe verschwand.

"Hoffentlich kriegt er das verdammte Teil auf." Captain Bottrop rückte seine Mütze zurecht. "Diese Saugglocke war einfach zu teuer, das darf nicht schiefgehen."

Die Saugglocke war eigentlich eine Pumpglocke, aber ich hielt meinen Mund. Ich spielte mit den Fingern an den Bedienhebeln. Ich mußte lächeln, Fiete in der Glocke war bestimmt schon ganz grün im Gesicht von der Schaukelei.

Bottrop stieß mich in die Rippen. "Was gibt es da zu grinsen? Wenn diese Spezialpumpe das Teil nicht leersaugen kann, ist das das Ende von Bottrops Seeberge-Unternehmen"

Das war es sowieso. Irgendein Scharlatan hatte von seinem Unternehmen gehört und ihm dann diesen überdimensionalen Pümpel aufgeschwatzt, an der Haustür oder so, und Bottrop, dieser Idiot, hatte das Teil sogar gekauft.

Ich nahm demonstrativ meine Hände von der Konsole und stopfte sie in die Taschen meiner Windjacke. Als ich das letzte Mal in diesem Stahlkoloß saß, war Fiete an der Bedienung, sternhagelvoll, und hatte Klavier mit den Hebeln gespielt. Noch Stunden danach war mir schlecht gewesen.

Der Wind pfiff um meine Ohren, und ich fühlte, wie das Salzwasser auf der Haut prickelte. Der Tiefenmesser bewegte sich auf die volle Tauchtiefe zu. Ich verlangsamte den Abgang der Glocke, stoppte schließlich.

Nun begann das Warten. Bottrop drehte sich um und marschierte auf dem Deck auf und ab. Ich zog den Kragen meiner Jacke zurecht, aber ich wagte nicht, mich von den Kontrollen abzuwenden. Fiete war ausnahmsweise mal nüchtern, vielleicht dauerte deshalb alles so lange.

Der Saurüssel neben mir röchelte plötzlich, dann wurde Luft eingesogen. Es klang nach einem langen, angestrengten Atemzug.

"Hah!" machte Bottrop und kam mit einem triumphierenden Grinsen zu mir zurück. "Ich wußte, das Fiete das schafft!"

Ich grunzte. Es konnte einfach nicht funktionieren. Einfach den riesigen Tank der Yacht leerpumpen, mit Luft befüllen und schon würde das Schiff auftauchen, das war der Plan. Und das mit diesem altersschwachen Teil, mit dem das Tauchen schon ein Abenteuer war. Lächerlich geradezu. Und wenn es so einfach ging, wieso machten es dann nicht alle so?

Ich schaute auf die Anzeigetafel. Der Druck der Pumpe schwankte, pendelte um die maximale Auslastung. Aber sie hielt, unvorstellbar.

Mein Herz schlug schneller. Wenn Bottrop diese Yacht bergen konnte, machte er vielleicht doch nicht pleite. Und so nervenaufreibend er und Fiete auch waren, auf der Wilma war es allemal besser als auf einem Bananendampfer. Und wenn wir den Tresor fanden, gab es sogar eine Prämie von dem Multi.

Die Pumpe verschluckte sich, hustete und keuchte wie ein Raucher beim Bergsteigen. Aber der Druck hielt. Eine Lampe flammte schließlich auf, Zeit zum Auftauchen. Ich beeilte mich, und Fiete wurde wieder der Oberfläche entgegengezogen.

"Vorsichtig, vorsichtig", flüsterte Bottrop. Der Druck der Pumpe fiel, das Röcheln erstarb.

Ich sah die Kette hinab, ob ich die Glocke schon sehen konnte. Aber nichts war dort, nur die dunkle Tiefe des Wassers.

Dann bewegte sie sich.

Sie wurde größer und größer, Wellen türmten sich auf, und unser Schiff begann zu schwanken.

"Was zum ..." Bottrop klammerte sich an der Reling fest.

Dann brach das Heck der Yacht aus dem Wasser, keine drei Meter von uns entfernt. Die Kette der Saugglocke spannte über dem verkrusteten Rumpf. Der Kran knarrte.

In rasender Geschwindigkeit schoß die Yacht hoch, Stahl krachte, als die Schiffe gegeneinander stießen.

Unter dem Lärm hörte ich ein Gurgeln, Rauschen. Wasser lief in die Wilma. Ich drückte den Hebel auf volle Leistung, holte die Glocke so schnell wie möglich hoch, solange der Motor noch funktionierte.

Minuten später saßen wir drei im Rettungsboot. Die Wilma ruhte auf dem Meeresboden, die Yacht trieb Heck oben im Wasser. Stille lag auf dem Meer, selbst der Wind war abgeflaut. Nur die Yacht gluckerte, als sie langsam wieder verschwand.

"Versenkt", murmelte ich.

© Petra Vennekohl

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